VERHEIßUNG

Nähe und Bürokratie I

von Henrike Kohpeiß

 

Berlin, 15. April 2020

Ich sehe, jetzt gerade, meine Nachbarn aus der Entfernung von ca. 20 Metern, die unsere Häuser trennen. Ich weiß schon so viel: Eine Frau direkt gegenüber macht jeden Morgen Yoga und sitzt dann den Vormittag lang in der Sonne auf dem Balkon. Neben ihr wohnt ein
Junge, der vor eines seiner Fenster einen großen Monitor platziert hat, sodass es nicht mehr möglich ist aus dem Fenster zu schauen, wenn er am Schreibtisch sitzt. Er benutzt nie seinen Balkon, trotz der Morgensonne. Im vierten Stock wohnt eine WG und alle Mädchen setzen sich gern mit ihrem Müsli und dem Kaffeebecher in ihre offenen Fenster. Ich habe immer Angst, dass eine irgendwann rausfällt, aber nicht genug, um wirklich beunruhigt zu sein. Sie alle tragen Jogginghosen und große Wollpullover. Ich kann bereits zuordnen, wessen Boyfriends die beiden Jungs sind, die manchmal aus dem Fenster schauen. Es könnte alles so nett sein, mag man denken, würden wir uns kennen und jeden
Morgen über die 20 Meter zuwinken, manchmal eine Suppe zusammen essen. Aber nichts läge mir ferner, als mich darum zu bemühen. Ich vermisse die Stadt und ihre falschen Versprechen.

In Berlin lässt sich über Nähe in jedem Winter gut nachdenken, weil sie dann fehlt – und jetzt, zu Beginn, wie sie sagen, der Covid19-Pandemie. Nähe beendet soziale Isolation. Und soziale Isolation verhindert oft die Nähe – jetzt und im Winter. Allein zu sein hat im Moment einige Vorteile: Die Ansteckung mit dem Virus ist unwahrscheinlicher, außerdem
fällt die Sorge für nur eine Person relativ leicht. Natürlich kann auch viel Banales und Trauriges über das Alleinsein gesagt werden. Aber dies ist nicht die Zeit dafür. Nähe wird nämlich auch noch anders verhindert als durch das Festhalten am Single-Haushalt: Durch Bürokratie. Oder vielmehr ist der Versuch, Nähe in Bürokratie zu überführen, überall präsent, weil wir uns nicht länger physisch begegnen dürfen. Alles Gemeinsame findet nun in mehr oder weniger geeigneten virtuellen Ersatzformaten statt und ist deshalb in starkem Maß von Organisation abhängig. Und sogar die Sehnsucht nach Nähe gestaltet sich gerade schwierig, weil das Begehren plötzlich in falsche Richtungen zeigt. Ex-Partner (Paul Preciado schreibt darüber) und zufällig letzte Berührungen vor dem Lockdown verlassen das innere Sichtfeld plötzlich nicht mehr und Mitbewohner und Beziehungen die im permanenten Umgang plötzlich alles übereinander wissen, drohen stumpf zu werden. Nähe ist nur dann ein schöner Raum, wenn sie sich ständig an veränderte Bedürfnislagen anpasst. Das passiert ganz unauffällig und ohnehin – solange wir uns in der gemeinsamen Bewegung auch voneinander weg bewegen dürfen. Ich denke, dass wenn wir uns nach Nähe sehnen, wir eigentlich meinen, in einem bewegten Verhältnis mit jemandem zu sein. Eigentlich ist Nähe Bewegungsfreude.

„Sex and the City“ hat für mich die sedative Funktion, das Leben abzubilden, das nach dem überstandenen Winter wieder möglich sein wird. Es ist April: draußen explodieren die Blüten, der Himmel strahlt seit drei Wochen in einem provokanten Blau, aber Sex and the City hat mein Leben noch nicht verlassen. Die Pandemie verlangt nach außergewöhnlichen Maßnahmen in allen Lebensbereichen und auch nach Ersatz für das, was ich eigentlich gerne tun würde. Der Aufbruch, der schon immer in den Frühling fiel, kann in diesem Jahr nur auf merkwürdigsten Wegen simuliert werden. Alles, was von der schäumenden Freude bleibt, wenn das soziale Leben in Berlin im April wieder erwacht, ist die Luft, die wir atmen und weiterhin teilen, denn sie riecht wie jedes Jahr nach einem neuen Versuch. Ich sitze auf dem Balkon, betrachte seit drei Wochen den Lebensrhythmus meiner Nachbarn und manchmal meine Schuhe. In New York hat sich angeblich schon eine Grocery-Store-Fashion herausgebildet – in Moabit nicht.

Was den Wechsel vom Winter zum Sommer ausmacht und woran Sex and the City mich immer erinnert, ist das Tempo von Veränderungen im eigenen Leben im Verhältnis zur Welt. Die Serie demonstriert diese Dynamik am Beispiel der romantischen, heterosexuellen Zweierbeziehung und wurde dafür viel gescholten – aber wenn dieses Format eines kann, dann die Möglichkeit des plötzlichen Glücks zu verteidigen – und dieses kann sich durch Schuhe, Sex oder Girltalk einstellen. Carrie Bradshaws Leben ist es, unterwegs zu sein. Manhattan ist aber nicht nur eine Fläche, um die zahlreichen narzisstischen Triebe zu stillen, die so eine privilegierte Großstadtbiographie unvermeidlich hervorbringt, sondern um sich ständig herauszufordern. Carrie ist nur dann sicher, wenn sie sich bewegt. Das ist in jeder Folge sichtbar, in der die Heimquarantäne nach Trennungen sehr schnell von den Freundinnen beendet wird, weil sie ihr einfach nicht guttut. Insgesamt ist das Zuhause für Carrie meist mit Rastlosigkeit oder anderem Leiden verbunden. Meist zeigt die Serie sie dort schreibend oder, wenn es gerade an der Tür geklingelt hat, im Aufbruch. Diese völlige Verweigerung des Zuhauses ist natürlich keine reine Emanzipationsgeschichte – obwohl die unberührte Küche in Carries Apartment eine Errungenschaft für Weiblichkeitsnarrative ist, auf die ich nichts kommen lasse. Was im White Feminism der 90er Jahre „Unabhängigkeit“ genannt wurde, ist ein Lebensmodell, dessen Gefahren, weil sie meist nicht materieller Natur sind, eigentlich kaum besprochen werden: Was ist also die existentielle Angst dieser Person, die sich von Status und Karriere nicht im Geringsten einschüchtern lässt? Egal, welche Party sie betritt und wer ihr begegnet – soziale Barrieren sind für Carrie Bradshaw Anlässe zu glänzen und dadurch das Vermögen, eigene Entscheidungen zu treffen, unter Beweis zu stellen. Wovor sie Angst hat, ist, verlassen zu werden und ihre Schuhe zu verlieren. Hier steht, im Gegensatz zu all denen, für die die Fallhöhen sozialer Anerkennung real sind, ihre Selbstbestimmtheit wirklich auf dem Spiel: Furcht vor dem Verlassenwerden ist Ausdruck der empfindlichen Balance eines Lebens in der Stadt, in dem alles getan werden kann, ohne einsam zu sein und die auf keinen Fall gestört werden darf. Die Angst, ihre Schuhe zu verlieren, erzählt von der Gefahr, Selbstbestimmung in Form von finanzieller und sexueller Unabhängigkeit, aufgeben zu müssen. Die Schuhe zu verlieren hieße dem, was mir wirklich wichtig ist gegenüber nachlässig zu werden („A woman’s right to shoes“, Staffel 6, Episode 9). Beide Ängste erzählen davon, worauf Carries Lebensmodell – die Synchronizität mit der geliebten Stadt – angewiesen ist: nicht einsam und nicht arm zu sein.

Sex and the City will von Selbstbestimmung erzählen und wurde oft dafür getadelt, Freiheit mit Konsum zu verwechseln. Trotzdem erscheint mir, umgeben von den klaustrophobischen sozialen Formen, die durch die Pandemie begünstigt werden, die Unabgeschlossenheit von Lebensweisen die SatC seinen Charakteren zur Verfügung stellt, noch immer um ein Vielfaches origineller als jene Suche nach Glück, die  sich in Kleinfamilien oder Naturverbundenheit übersetzt. Die Serie leugnet an keiner Stelle das rücksichtslose Chaos der Stadt und seine Tendenzen, Pläne zu durchkreuzen und Unangenehmes ans Licht zu bringen. In dieser Umwelt ist die fokussierte Suche nach dem Glück eigentlich nur unter der Bedingung von Isolation, wenn nicht gar Abschottung vorstellbar. All die jedoch, die sich der Stadt nicht konsequent verschließen und sie auch nur ein bisschen gern haben, leben mit wiederkehrenden Brüchen unterschiedlicher Frequenz und Stärke. Es ist sehr viel leichter vorstellbar, sich vor der Stadt zu retten als in ihr gerettet zu werden oder gar von ihr. Anders gesagt: Gerettet zu werden, gehört nicht zum Repertoire dessen, was die Stadt uns geben kann, wir müssen das selber machen. Wenn mir in der Stadt nach Rettung ist, heißt das eigentlich immer nur, einen neuen Weg zu finden, der noch nicht oft genug beschritten wurde, der sich noch nicht als Irrtum herausgestellt hat. Eine Garantie für das Glück gibt es dabei nicht. In der Stadt gerettet zu werden heißt meist, sich selbst zu retten oder, die Stadt gemeinsam zu bewohnen, statt sich vor ihr zu verstecken – und das gelingt selten. Ich denke, dass Carrie sich oft selbst rettet. In welche Hoffnungen und Modelle sie dabei investiert, ist eigentlich egal. Was zählt, ist ihr Vermögen, sich in Szenarien – Affären, Projekte, Texte – zu vertiefen und bereit zu sein, sie für unendlich zu halten, auch wenn eigentlich klar ist, dass sie nicht lange währen werden. Unendlichkeit ist hier keine verbrachte oder zu verbringende Zeit, sondern eine ganz kurze Verdichtung innerhalb von Erfahrung. Ein kurzer Moment, dessen Bedeutung freigelegt werden kann,  selbst, wenn der Abend mittelmäßig war: Neue Freunde, gute Witze, warme Haut. Der Eindruck dieser Momente ist so einnehmend, dass er eine eigene Erinnerungssequenz prägt, die auch Monate später noch aufgerufen werden kann. Anders, als das Bild eines erfüllten Lebens entsteht aus der Sammlung dieser Sequenzen eine Bibliothek, die Spaß bringt und Zukunft als Verheißung sieht.

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Es ist sehr schwer zu erklären, am Mangel von Versprechungen zu leiden. Mangel an Nähe, an Kontakt, an Gespräch und Austausch sind als Kategorien fest im therapeutischen Vokabular verankert und unumstritten für die psychische Gesundheit einer Person mitverantwortlich. Aber wie lässt sich diese vage Verbindung aus Stadt und Möglichkeit als
Ressource beschreiben? Die Verheißung gibt ja gerade keine Sicherheit, erklärt nicht, wie sich eine Zukunft planen oder Halt im Leben finden lässt. Darüber hinaus ist die Stadt ja auch oft ganz egal und am besten zu ertragen, wenn man einfach mit ihr koexistiert und sie einen weitestgehend in Ruhe lässt. Die Momente, in denen sie plötzlich verheißungsvoll wird, sind eher selten. Und selbst wenn sie kommen, kann ich sie manchmal empfangen, manchmal aber auch nicht. Wenn sie eine Ressource darstellen, ist diese keinesfalls unbegrenzt verfügbar. Auch werden Verheißungen oft im Laufe des Erwachsenwerdens schal, ja, unattraktiv. Das been-there-done-that verhindert es, ein langweiliges Gespräch durchzuhalten in der Hoffnung, dass noch ein paar mehr Leute kommen, bevor der Abend endet. Wenn das nicht passiert und der Hunger nach Verheißung die Jugend überlebt, hat die Person vielleicht noch nicht genug von ihr gesehen – oder sich mit ihnen eingerichtet statt in einem Erwachsenenleben.

Carrie wird, wenn man es so lesen will, im Laufe der Serie jedenfalls ganz gut darin, die Verheißung im eigenen Leben als Energiequelle unterzubringen und sich mit sich selber abzustimmen, wenn etwas passiert: Dass Mr. Big den on-off-Status niemals beenden wird, ist dem Szenario spätestens ab Staffel 2 eingeschrieben und trotz der geplatzten Hochzeit im SatC-Film wissen alle, dass Carrie auf diese Liebe niemals hätte verzichten sollen. Das, was im Sinne der Verheißung von dieser Serie bleibt, ist die Verweigerung des I told you so – niemand wird für das eigene romantische Leiden verantwortlich gemacht, mag es nach aller verfügbaren Information auch noch so vorhersehbar gewesen sein. Natürlich enttäuscht das Ende der sechsten Staffel und erfüllt das Bedürfnis nach romantischer closure: Charlotte, Miranda und sogar Samantha sind schließlich in festen Beziehungen und beweisen damit, was trotz allem ewige Wahrheit ist: Dass für die romantische Liebe jeder und jede bereit ist, das vorherige Leben aufzugeben, wenn aus der Verheißung ein
Versprechen wird.

Die Stadt zeigt es: Leider gibt es nichts Besseres als einen Raum voller Menschen (siehe „Fleabag“). Das ist enttäuschend, weil ja genau dieser Raum nie das bereithält, was man sich von ihm wünscht, sondern sich immer als erratisches Kontinuum ohne Sinn für Verlässlichkeit zeigt. Der Raum beginnt erst Spaß zu machen, wenn man in ihm ankommt und sich selbst vergessen lässt, wie anstrengend dieser Abend höchstwahrscheinlich wird. Um ihm etwas abzugewinnen, muss man ihm ein kleines bisschen Intentionalität widmen. Die Bereitschaft und das Vermögen, sich in diesen Zustand zu versetzen, ist unterschiedlich verteilt und ein Indikator für die Persönlichkeit, mit der jemand ausgestattet ist.

Sex and the City kann leicht suggerieren, dass jeder Raum voller Menschen eine Ressource ist, um the one zu finden. Nichts weiter. Aber ich glaube nicht, dass die vier, würde es die Serie noch geben, sich mit Online-Dating – schneller und spezifischer als das Streunen durch Manhattan – zufriedengeben würden. Um den Rausch anderer Menschen zu spüren, braucht es die Stadt und die Unwahrscheinlichkeit der Begegnungen, die sie produziert. Es braucht die Orte, die einfach nie menschenleer sind, fremde Haut, Alleinsein in der Menge und es braucht Zufall oder zumindest den begünstigten Zufall, Das letzte Mal, dass ich einen solchen Raum betreten habe, fällt in eine andere Zeit. Es war noch Winter und die Entscheidung, abends draußen zu bleiben, stand auf wackeligen Beinen. Neue Schuhe waren ein Grund, der Triumph der abgeschlossenen Arbeit ein zweiter und low expectations eine gute Ausgangsposition. Der Abend war nicht lang und nach allem was passiert und nicht passiert ist – wirklich mittelmäßig. Es gab nichts außergewöhnlich Interessantes, nichts Romantisches. Aber wenn ein Abend dieser Art gelingt, dann wenn er alle sicher und trocken von ihren eigenen Leben und Zweisamkeiten in eine Gruppe hineinträgt, die den Abend füllt. Das ist nicht dasselbe wie eine Gemeinschaft. Das Mitglied einer Gruppe braucht keine Rechenschaft abzulegen und kann doch seine Zugehörigkeit für den Moment anerkennen. Vorübergehend in der Gruppe zu schwimmen, entlastet von individuellen Entscheidungen und funktioniert nur, wenn man sich tragen lässt, was den Introvertierten schwerfallen kann.

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Verheißung ist ein diffuses, begleitendes Gefühl, für das es im Englischen keine exakte Entsprechung gibt: Promise ist das Äquivalent aber entspricht rückübersetzt dem deutschen Versprechen und deutet damit auf den Unterschied zwischen diesen beiden Orientierungen: Während das Versprechen sich auf ein Objekt bezieht, das versprochen wird, kommt die Verheißung ohne dieses aus und wird schon als Stimmung und Grundgefühl, abgegrenzt nur durch Zeit und Raum, wirksam.
Verheißung ist eine Unterkategorie von Nähe. Ihr magischer Trick besteht aber darin, dass sie mich in die Nähe dessen bringt, was ich will, ohne dass ich dazu wissen muss, was ich will. Verheißung materialisiert sich in dem Gefühl, dass der Abend noch nicht zu Ende ist: Manchmal, weil noch geknutscht werden muss, aber manchmal auch einfach, weil es noch nicht genug, das Herz noch nicht satt ist von dem, was es gerade umgibt.

Wenn wir so zusammenkommen, wie die Verheißung es ermöglicht, müssen wir nicht darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen. Diese Bedürfnisse ein für alle Mal zu klären, ist aktuell Teil einer bürokratischen Kalkulation in der Krise, die darauf setzt, dass wir langfristig und freiwillig mit weniger auskommen: Klare Kontaktkreise, kleine Gruppen, übersichtliche Versammlungen, weniger Menschen pro Abend (Das gerade veröffentlichte Papier der Leopoldina zeichnet dieses Bild, in dem Bürgerverantwortung mit physischer Distanznahme zusammenfällt). Aber was wir natürlich wirklich brauchen ist das Leben ohne Krise, in welchem die notwendige Veränderung nicht im Hinblick auf Verhinderung des Zusammenseins gedacht wird, sondern vor dem Horizont der zunehmenden Freiheit. Dass dieser in die Ferne rückt, dunkel wird und wir uns damit abfinden, das ist das Problem. So willkommen eine kleine künstliche Intervention in die Wohlstandsgesellschaft ist, um sich ihrem Wohlstand gewahr zu werden, so unverzeihlich und traurig ist die Zerschlagung der sozialen Formen, die so etwas wie Freiheit ermöglichen. Statt diese Freiheit neu zu erfinden, dürfen wir, was wir Nähe nennen, gerade nur online imitieren. In zoom-Konferenz Nr. 22 in zwei Wochen spreche ich über Europa - wir diskutieren über all die autoritären Formen mit denen unsere Regierungen gerade aufwarten. Wir unterbrechen uns ständig, weil die Verbindung im serbischen Refugium immer ein bisschen länger braucht, um das Gesagte zu übertragen. Die einzige Möglichkeit, sich wirklich etwas mitzuteilen, scheint über strenge Moderation zu sein. Impulsreferate über das eigene Befinden sind auch ein Weg, das Medium ernst zu nehmen. Ich kann Chips essen, während ich zuhöre, was in Bogota passiert, aber niemanden mit Chips bewerfen und muss schweigen, bis der Satz beendet ist, statt jetzt schon loszulachen, damit die andere Person nicht von Zwischentönen irritiert wird.

In der körperlichen Wirklichkeit kann eine Nähe geteilt sein und gleichzeitig verheimlicht werden. Wenn du mich zum Lachen bringst und gleichzeitig nicht genau weißt, durch was eigentlich, dann ist das so. Ich lache dann möglicherweise auch mehr aus mir selber als durch deinen guten Witz, meistens lache ich über die Art, wie du die Welt durchquerst und wie du das machst, weißt du zum Glück selber nicht. Ein so im Vorbeigehen geschenktes Lachen kann ich nur vom warmen Körper abholen, weil er der einzig in Frage kommende Träger dafür ist. Nur der Körper kann mir das zuflüstern. Stattdessen aber übertreffen sich verschiedene Versuche, diese verlorene Nähe durch ihre genaueste Verwaltung wieder zu gewinnen. Sie wird erschlossen und imitiert, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf die Möglichkeit dieses Ersatzes zu bauen. Die Bürokratie soll die Nähe retten. Aber sie vermag, auch unter größter Anstrengung, einfach nicht mehr, als einige ihrer Bedingungen vage zu umkreisen. Denn für Nähe braucht es mehr als Gegenwart. Es braucht den Willen, die Gegenwart für den anderen bereitzustellen, sie zu formen. Jenes kleine Bisschen Intentionalität, der mitgebrachte Überschuss, der den Raum voller Menschen beim Betreten interessant macht, ist auch die Bedingung um Kopräsenz ihre Zufälligkeit zu
nehmen. Nähe heißt, eine Ressource in der Begegnung als unendliche vorzufinden:
Lachen oder Sorge oder Verständnis. Aus der Nähe ist eines immer unendlich. Deshalb
sperrt sie sich gegen die Bürokratie. Nicht nur weil sie nicht quantifizierbar ist, sondern weil Bürokratie als leere Form nie bereit ist, weiter zu gehen, als ihr inneres Regularium es erlaubt. Nähe ist gefährlich, weil ihre Bewegung überbordend ist, weiter gehen will, als sie denken kann und im Lachen immer den Überschlag sucht. Zwei Arme, die sich berühren, können sich nicht näher kommen und wollen es doch. Bürokratie ermöglicht Frieden durch Übereinkunft statt Berührung. Sie hat die planbare Zukunft im Blick und sich von Verheißungen abgewandt.

Der Mangel an Berührung erinnert mich an ihre idealen Frequenzen: Es gibt Berührungen, die genau sagen, was sie meinen. Sie dauern genau so lange, dass sie eine Grenze einreißen und gleichzeitig ein Versprechen machen, ohne dabei vertrauen zu müssen. Wahrscheinlich hat nie je eine Berührung genau so lang gedauert, dass sie all das von sich aus erzählt hätte, aber Verheißung ist eines der größten Vermögen von Berührung. Schlimmer noch, als die Berührung zu vermissen, ist es, ohne Verheißung zu leben. Hände haben sich vielleicht nur einmal und ohne Zeugen umeinander geschlossen, aber damit eine eigene Zeit begründet. Nähe ist hier ein vertikaler Faktor, der alles betrifft, aber auch alles beansprucht, um in der linearen Zeit die nächsten Wochen zu bewohnen. Sie braucht nicht das konkrete Gegenüber, höchstens eine einfache Projektion, aber hat einen
materiellen Ausgangspunkt. Die eine Hand an der anderen und nicht zu wissen wie
dahinter zurückzutreten ist. Keine Zukunft, nur eine für einige Wochen verlängerte Gegenwart. Jetzt, wo die Stadt uns eine Zukunftsprojektion aufzwingt, in der das Land auf lange Sicht intrinsisch zur Distanznahme motiviert werden soll, ist die Perspektive der verhinderten Verheißung wie ein Leben, das wir nicht gewählt haben. Immer war es so geplant, dass zwei Minuten Mut alles verändern konnten und ein Sommer ohne diese Möglichkeit, auch ohne Blut und Tränen, füttert die Angst, allein sterben zu müssen. Dieses verletzungsanfällige Lebensmodell, das auf Verheißung baut, mag wie ein ewiges
Verharren in den Teenagerjahren klingen. Das taktile Bedürfnis ganz an die Serie von Möglichkeiten spontaner Begegnungen zu knüpfen kommt einer Verweigerung stabiler Sorgebeziehungen gleich. Wenn aber das Romantische nichts anderes zu leisten hat als das Überleben zweier erwachsener Personen, dann spricht gegen diese Form der Nähe, die sich in Räumen voller Menschen realisiert, eigentlich nichts außer das aktuelle Kontaktverbot und die anstehende Erziehung zu seiner Internalisierung.

Elizabeth Wurtzel, queen of one-night-stands, erhebt diese Nähe, die der Verheißung folgt statt der Verantwortung zum Prinzip der Selbstbestimmung: „I am proud that I have never so much as kissed a man for any reason besides absolute desire”. Nähe so zu suchen und zu finden erfordert Mut- und Mangel. Das Vertrauen, dass die Reihe von Begegnungen sich verlängert und dass die Verheißung trägt, wird immer wieder von Einsamkeit unterbrochen und erschüttert. Jetzt, im leeren, beruhigten und hilflosen Berlin wird daraus eine Durststrecke, für deren Überbrückung alle Sexualverschwörungen bestimmt bereits Pläne gemacht haben, aber die durchschnittliche Heterosexuelle wahrscheinlich nicht. Es ist schwierig, dass der Spielstart, der schon immer auf den Frühling fiel, nun gar nicht stattfinden konnte, und dass die intime Welt sich an vielen Orten so ordentlich präsentiert, dass sie sich selber kaum im Spiegel ansehen kann. Wollten wir es politisch deuten, so ließe sich ein Rückzug auf die Kleinfamilie und die Zweierbeziehung als Näheverwaltung in der Krise diagnostizieren. Aber um der Unendlichkeit der Krise zu entkommen, müsste ihr eine eigene Unendlichkeit entgegengesetzt werden.