UNHEIMLICHES DENKEN / Replik

von Christian Schwinghammer

Berlin, 27. März 2020

Wie lässt sich die aktuelle Situation aus einer machtkritischen Perspektive denken? Menschenleben, die vor der Festung Europa schlichtweg aufs Spiel gesetzt werden, danach der zusehends ‚kurze‘, diskussionslose Prozess mit Bewegungs- und Versammlungsfreiheiten, das abermalige Umgehen der Persönlichkeitsrechte durch eine staatliche Überwachung von ‚Bewegungsströmen‘, exekutierte Ausgangssperren und Kontaktverbote in einer Situation, in der selbst das Intimste (die Selbstberührung sowie Berührung anderer) nunmehr ganz offensichtlich zum Feld politischer Interventionen wird, und bei alledem die schwelende neue alte Sehnsucht nach einer ‘starken‘ Heilsfigur. Alles Entwicklungen, Stand 25.3.2020, für ‚Leben‘ und gegen ‚Tod‘, für ein Schutzversprechen, das zumindest (wenn überhaupt) denen gilt, die das Privileg einer europäischen Staatsangehörigkeit besitzen. In dem Versuch, all das zu denken, all das einzuordnen, scheint mir zunächst jene Bezeichnung der Autoimmunisierung, wie sie um die Jahrtausendwende aus biomedizinischem Wissensbestand in die politische Theorie überführt wurde, auf der Hand zu liegen: Um sich zu schützen, so ließe es sich etwa mit Jacques Derrida vereinfachend zusammenfassen, schirmt sich eine demokratische Ordnung gegenüber dem ab, was sie gefährdet oder dies nur vermeintlich tut, sie grenzt ein ‚Anderes‘ aus. In dieser Immunisierungsbewegung allerdings wird Schritt für Schritt ihr eigener Selbstschutz zersetzt, ihre integralen Richtlinien und Grundsätze – das demokratische Selbstverständnis kippt ins Un-, ja Antidemokratische. Angenommen, die hiermit angesprochene Bewegung findet angesichts eines als Feind betitelten Virus, einer umfänglichen Suspension demokratischer Grundprinzipien und allumfassenden Grenzziehungen und Dichtmachungen aktuell eine Konkretisierung: Die linken Alarmglocken schrillen noch immer kaum merklich. Das mag der unübersichtlichen Flut an Informationen geschuldet sein, dem ständigen Live-Ticker im Rücken, der Wucht des Aktuellen, der Orientierungslosigkeit ob der Frage, mit welchen Maßstäben, mit welcher Blickrichtung und -weite, welcher (ideologischen) Absicherung der gegenwärtigen Situation zu begegnen ist. Gleichzeitig aber wird ja durchaus diskutiert, allerdings erscheinen dabei die bereits eingesetzten ‚Immunisierungspolitiken‘ vielerorts als indiskutable Notwendigkeit, wenn ihre Verschärfung nicht sogar bereits schnell-nickend eingefordert wird. Zu den paradoxen Aspekten der pandemischen Gegenwart gehört auch, dass sich für zumindest einige Momente des politischen Maßnahmenkatalogs gute Gründe anführen lassen. Genau hier liegt die aktuelle Bredouille eines sich zu der aktuellen Situation machtkritisch positionierenden Denkens.


            „Denken ohne Geländer“: Hannah Arendt gab mit dieser Formulierung einer Denkungsart ihre Losung, die sich abseits einer festen Verankerung in Denktraditionen so vehement wie es nur geht an konkret-empirische Geschehnisse und die Auseinandersetzung mit diesen hält. Was aber heißt eine solche Rückbindung an Konkretes aktuell? Zunächst steht da auf der einen Seite also das Zuhause: ‚Denken‘, wenn es normalerweise in akademischen Routinen, Diskussionszusammenhängen, in der Bibliothek seinen angestammten Ort hat, mag hier in einem Rückzug auf die eigene Körperlichkeit und die eigenen vier Wände Denkstrukturen wiederentdecken, die sich abseits des Schreibtischs befinden, im praktisch-gelebtem Engagement innerhalb des Nahumfelds, der Familie, des Freundeskreis, der Nachbarschaft. Auf der anderen Seite aber stehen über dieses Hier und Jetzt, über das Heimische hinausweisende Fragen nach existenziellen Lebensrealitäten und möglichen Konsequenzen, die das aktuelle Geschehen mit sich bringt und an die sich Denken ebenfalls zu halten hat: Die sich brutal zuspitzende Situation in den Lagern an der europäischen Außengrenze, die Gefährdungen und Krisen, die sich auch für obdachlose Menschen innerhalb Europas radikal dramatisiert haben und vor die all jene, deren ökonomische Existenzgrundlage gerade wegbricht, gestellt werden; die Tatsache, dass Ärzt*innen auch aufgrund des jahrelangen Abbaus des Gesundheitssystems nicht nur in Italien nunmehr vor die Entscheidung gestellt werden, wer überhaupt behandelt wird und wer nicht…


            Zuhause zu sein ist zuallererst ein absolutes Privileg. Und ich frage mich, ob ein aktuelles machtkritisches Denken nicht genau hierin einen möglichen Ansatzpunkt finden kann: dass Denken an ein konkretes Zuhause gebunden ist, auch wenn es sich an eine ‚demokratische Öffentlichkeit‘ richtet. Darauf haben verschiedenste feministische, ökologische und postkoloniale Machtkritiken immer wieder hingewiesen: Ein adäquates, ein kritisches Denken findet seine Bestimmung nicht in einem so oder so hergestellten ‚freien‘ Zustand abseits des Alltäglichen. Sogenannte Geistestätigkeit ist natürlich nicht ohne Alltag, sie ist auch nicht ohne einen Körper und sie ist auch nicht ohne Welt. Vielmehr ist Denken, wie man mit Arendt vielleicht sagen könnte, vielfach ans Konkrete gebunden: Es steht auch unter Vorbehalt der jeweiligen Lage der Denkenden, ist affizierbar durch private Emotionen, Ängste und Befürchtungen, umgeben von weltlichen Situationen und eingeschlossen in einem Organismus, der in unterschiedlicher Weise verletzbar ist, auch von faktischen Wirkkräften außerhalb der Reichweite des Bewusstseins. Die Besonderheit der Situation ist es ebenfalls, diesen Umstand erneut und für alle sichtbar ans Licht zu katapultieren, auch in seinen limitierenden und bedrohlichen Implikationen. Gewissermaßen in einer autoimmunen Bewegung zeigt sich jedes Denken, eine jede Diskussion, ein jedes Schreiben gerade geöffnet gegenüber all den als unwichtig, zufällig oder profan betitelten Facetten des Denkens: Politiker*innen, Aktivist*innen, die in Quarantäne oder Isolation zu anderen Denkorten und -praxen gezwungen sind, genauso Gespräche, die sich durch die Angst eines Zu-Nahe-Tretens (im wortwörtlichen und im metaphorischen Sinne) verändert haben, ausgesetzt oder in den virtuellen Raum verlegt werden, oder aber die Einsicht, dass althergebrachte Philosophiekonzepte angesichts des Akuten fehlgehen können. In diesen beliebig weiterführbaren Beispielen zeigt sich: Die traditionellen Beheimatungen menschlichen Denkens bröckeln gerade erheblich und dabei nicht zuletzt auch das stabilste Denkgeländer, das autonome, souveräne Selbst. Was etwa, wenn in Rechnung gestellt werden würde, dass ein denkendes Selbst um überhaupt ein solches zu sein vom Funktionieren biologischer Prozesse im Körper abhängig ist? Was, wenn ernst genommen würde, dass auch das Denken auf einen körperlichen Immunschutz gegenüber Viren und ebenso Bakterien, Parasiten und Pilzen bauen muss? Ein Immunschutz, der möglicherweise sogar noch auf die Arbeit von Mikroorganismen angewiesen und darüber hinaus mit der akuten Lage, in der sich ein Körper befindet (und befand) verkettet ist? Zusammen mit Vicki Kirby könnte man in diesem Zusammenhang von dem philosophischen Rätsel der Autoimmunität sprechen: Wohin kämen Konzepte des Selbst, wenn schon aufgrund der biologischen Eingebundenheit von Existenz die Rede von einem autarken Selbst endgültig ins Wanken gerät und mit ihr auch alle Annahmen eines Selbst, das von sich sagen könnte, ein Immunsystem zu ‚besitzen‘ (vgl. S. 50, 54, Vicki Kirby, Autoimmunity: the political state of nature, Parallax 23:1)? Es ist jedenfalls kaum verwunderlich, wenn nun Feindeserklärungen gegenüber einem Virus ausgesprochen werden. Denn es ist nicht nur so, dass die Bestimmung von Viren in der Taxonomie des Lebens wissenschaftlich umstritten ist, wie bereits in vielen Kommentaren festgehalten. Vielmehr gehören Viren zu all jenen Facetten von Existenz, die das vorherrschende menschliche Selbstverständnis nach allen Regeln der Vernunft allzu oft als ihr entferntestes ‚Anderes‘ in einen vermeintlich zu vernachlässigenden Bereich der Körperlichkeit verbannt. Vielleicht ist es dahingehend also aktuell kein schlechter Moment, sich diesen grundstürzenden Fragen zuzuwenden und das eigene Alltagsverständnis davon in kritische Lagen versetzen zu lassen. Vielleicht ist es in der aktuellen Situation nicht unangemessen, den Umstand ernst zu nehmen, dass politische Realitäten auch über die vielfältigen Hintergrundbedingungen von Existenz geschaffen werden. Dass der Körper, wie Judith Butler schreibt, mir ‚gehört‘ und dann wieder nicht, weil er „von Anfang an der Welt der anderen anvertraut ist“ (S. 43, Judith Butler, Gefährdetes Leben), was ihn sterblich, verwundbar, aber auch handlungsfähig macht (vgl. ebd.). Butler folgert daraus eine grundsätzliche Fragwürdigkeit der Annahme eines autonomen Selbst (vgl. ebd.) und man könnte anschließen: Diese Annahme erscheint noch fragwürdiger, wenn – wie aktuell offenkundig – die von ihr angesprochene Welt der anderen nicht nur aus anderen Menschen besteht. Dabei mag es schon vor der gegenwärtigen Situation gegolten haben, all den unheimlichen Hintergrundaspekten des Selbst, dessen Existenz und dessen Denken zu antworten. So hat sich das wissenschaftliche, das politische und ökonomische Interesse schon längst auch dahin verschoben, unter verschiedensten Zielsetzungen (Verbrechensbekämpfung, Produktplatzierung et cetera) noch so flüchtige Bewegungen und Regungen des Körpers, dessen Zustände und Umstände technologisch aufzubereiten; auch wurde damit begonnen, im Schatten der technologisch aufgerüsteten life sciences den Traum zu hegen, die Welt bis in ihre letzten Tiefen, bis hin zu ihren kleinsten Bestandteilen zu durchleuchten und von Menschenhand zu gestalten. Diesen unheimlichen Aspekten des Denkens zu begegnen, erscheint allerdings noch umso dringlicher in einer Situation wie der jetzigen, in der ganz offensichtlich verschiedene menschliche Lebensrealitäten aufgrund je eigener Körper- und Lagevoraussetzungen je unterschiedlich gefährdet sind.


            Für ein Denken von zuhause mag all das dann womöglich auch bedeuten, sich radikal von dem gegenwärtigen Geschehen irritieren zu lassen – festgefahrene Konzepte, Stile, Muster und Routinen unheimlich werden zu lassen. Abseits des Abwehrsystems eines von allem entbundenen freischwebenden Denkens. Abseits aber auch eines schon vor COVID-19 fest verankerten Glaubens, Denken habe sich vollends an die Geländer der ‚hard sciences‘ zu klammern. Die Annahme, techno-wissenschaftliche Einsichten in Natur und Leben mache die Welt zu einer vollends logisch-kontrollierbaren sowie in ihren Katastrophen für eine Politik der Vernünftigkeit zu einer restlos kalkulierbaren erweist sich gerade als Trugschluss. Stattdessen stellt sich die Frage, ob nicht auch eine solche wissenschaftsvernarrte Sicht zu den problematischsten Aspekten der Vorgeschichte der aktuellen Situation gehört: dass der mit Wissenschaft und Technologie ausgestattete Mensch dachte, die Problemlagen der Welt bei Beibehalten des normalen Verlaufs der Dinge in eine sichere Zukunftsstätte verwandeln zu können. Dieses Heilsversprechen, ohnehin nur für wenige die Stütze einer ungefährlichen Zukunft bereithaltend, ist zu irritieren und bleibt dies weiterhin. Das muss keineswegs darin münden, techno-wissenschaftlichen Erkenntnissen, Ansichten und Umwälzungen den Rücken zu kehren. Viel eher heißt es, sich ihren Provokationen und ihren Rätseln zu öffnen, mit und gegen sie zu spekulieren, andere Einstellungen, Frageräume und -richtungen zu erfinden, die möglicherweise auch zu den Faktenlagen der sogenannten objektiven Wissenschaften, ihren Regelwerken und ihren Agenden quer stehen. Im besten Fall lässt sich damit dann auch die reflexartige, zum Teil lakonische Allgemeinbeantwortung der aktuellen Situation frei nach dem Motto „schon immer gewusst: wir alle sind Teil eines kosmischen Gesamtzusammenhangs“ mitsamt ihrer Handlungsanleitung für die gesamte Menschheit umgehen; als ob ‚wir‘ vor einem Virus alle gleich wären, als ob der Virus ein solches ‚wir‘ ad hoc schaffen und von allen Problemen befreien würde.


            Auch dieser Kommentar ist nur deshalb möglich, weil er sich in einem Zuhause einrichten und von dort aus entstehen kann. Weil ich von empirischen Bindungen nicht vollends eingebunden bin, weil er in Augenblicken sozialer Distanzierung geschrieben wird, aus einer Lage heraus, in denen das Zuhause bereichernde Diskussionen und Begegnungen abseits des Alltäglichen bietet, in der die Spannungen und Gefährdungen, die gerade jetzt auch in und durch ein forciertes Zusammensein auf engstem Raum entstehen, ausgesetzt werden können, und weil der Körper bei alledem mitmacht. Für ‚Denkende‘, die sich in einem solchen Zustand befinden, mag dies Anlass sein, abseits berechenbarer Denkkurse den Gang der aktuellen Situation kritisch zu hinterfragen. Ihr institutionell-politisches Vorleben und Nachleben in noch nicht absehbaren Folgeschäden sowie in einem möglichen Weiterleben politischer Instrumente der Ausnahme etwa. Oder aber, was es für politische Selbstverständnisse, Konzepte, Praxen und Orte des Gemeinsamen und Gemeinschaftlichen bedeutet und bedeuten wird, wenn Körper ebenfalls von anderen, nie in Gänze kontrollierbaren Dynamiken innerhalb und außerhalb bedingt sind – auch und gerade in einer Situation, in der es heißt, sich zum eigenen Wohle und das der Anderen abzuschirmen. Nebenbei gesagt, berührt das auch die Orte der Zusammenkunft einer Academia, die nunmehr vor die Herausforderung gestellt ist, Lehrveranstaltungen unter Schnelldruck für den Bildschirm zurechtzurücken und darüber nicht prekäre Verhältnisse von Lehrenden sowie Studierenden zu vergessen. Vor allem aber müsste es von zuhause aus auch darum gehen, sich ansatzweise dessen gewahr zu werden, was es heißen kann, mit einem Körper aus Fleisch, Blut und noch vielem mehr innerhalb instabiler oder gewalttätiger häuslicher Verhältnissen zu existieren, an den Türen eines überlasteten Gesundheitssystems abgewiesen zu werden oder aber vor den Toren Europas einem ausweglosen Lagerzustand ausgesetzt und ob prekärer oder nichtiger medizinischer Versorgung der eigenen körperlichen Verwundbarkeit schlichtweg überlassen zu sein.


            Donna Haraway hat vor einigen Jahrzehnten angesichts der ersten Anzeichen heutiger technologischer Umwälzungen und den damit entfesselten menschenabgewandten Kräften vor einer einäugigen Perspektive gewarnt (vgl. S. 40, Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs). Hieran mag dieser Kommentar in seinen eigenen Ambivalenzen lose anschließen: Natürlich wäre es in Anbetracht existenzieller Gefährdungslagen, Bedrohungen und Katastrophen einäugig, den politischen Maßnahmen und Maßgaben des Zuhauses, dem ‚Gebot der Stunde‘ in social distancing und stay-at-home, virologischen Einschätzungen et cetera nicht Folge zu leisten. Aus demselben Grund wäre es aber genauso einäugig, die aktuelle Situation mitsamt ihrem Vor und ihrem Danach nicht mit eindringlicher Wachsamkeit zu begegnen, zu befragen und zu kritisieren, ohne sich dabei dem Reflex „in-jeder-Krise-liegt-auch-eine-Chance“ oder einer abstrahierenden Flucht in die kommende „bessere Gesellschaft“ hinzugeben. Haraway hat schon damals von einer doppelgesichtigen Situation gesprochen und dementsprechend einen gedoppelten Blickwinkel eingefordert (vgl. ebd.), gewissermaßen eine Perspektive der Mehrdeutigkeit, eine Perspektive ohne Geländer. Für ein aktuelles machtkritisches Denken hieße es dahingehend dann auch, das business as usual der noch tiefsten (Denk-)Selbstverständlichkeiten einer schon vor der Pandemie von Katastrophen nur so übersäten, nur scheinbar reibungslos verlaufenden Welt, radikal auf die Probe zu stellen. Links von der Ausnahme: ein unheimliches Denken?


Mein Dank geht an Henrike Kohpeiß, Daniel Stoecker und Philipp Wüschner für Diskussionen, Anregungen und Anmerkungen.