Tiere der Nacht

Covid-19 und seine Metaphern 4/ Balkanserie

von Tanja Šljivar, Ana Vilenica, Olga Dimitrijević and Tamara Antonijević

 

Belgrad, Rijeka, Zlatibor und Pančevo, 23. März 2020

 

“We live in capitalism. Its power seems inescapable. So did the divine right of kings. Any human power can be resisted and changed by human beings.”

(Ursula LeGuin, Rede zur 65. Nationalen Verleihung des Literaturpreises)

 

Wir hatten vergessen, den Müll rauszubringen, und waren losgezogen. Als wir wieder daheim waren, stellten wir fest, dass die Dinge auch ohne uns ihren Lauf genommen hatten. In unserer Abwesenheit war nicht nur ein neues Ökosystem entstanden, sondern eigentlich war das Unmögliche eingetreten. Unser Alltag war bestimmt gewesen durch eine bestimmte Anzahl von Punkten, zwischen denen wir uns bewegt hatten, zu denen wir hingestrebt hatten, nach denen wir unser Leben organisiert und die Jahre geplant hatten, und nun war dieses System zerfallen, hatte nachgelassen, sich entwirrt und wiederum dort Knoten gebildet, wo das nicht hätte passieren sollen. Das alles gilt natürlich für eine bestimmte Gruppe von Privilegierten, die eine fixe Arbeit haben, ihre Rechnungen bezahlen können und in stabilen Wohnverhältnissen leben. Inzwischen ist jedoch auch den vehementesten neoliberalen Ökonomen klar geworden, dass nichts mehr so sein wird wie früher.

Wie wir diesen Umstand akzeptieren und wie wir uns während der Pandemie verhalten werden, wird unser Leben nach dem Coronavirus maßgeblich prägen, oder zumindest die Art und Weise, in der wir unsere Gesellschaft und unser Leben organisieren werden, zwischen den neuerlichen Ausbrüchen der Pandemie und währenddessen, denn solche Ausbrüche werden ganz bestimmt stattfinden, so lange, bis es einen Impfstoff gibt. Und der Tag, an dem ein Impfstoff präsentiert wird, wird kommen, sonnig oder verregnet, auf jeden Fall ein ganz gewöhnlicher Tag, so wie auch schon der Tag gekommen war, an dem fast alle Staaten ihre Grenzen geschlossen und somit uns alle, potenzielle Virusträger, als kollaterale Schäden markiert haben, als verantwortungslose Kinder und bösartige alte Leute.

Wie diese Zukunft aussehen wird, hängt in einem großen Ausmaß davon ab, wie wir heute mit der Tatsache zurechtkommen, dass wir für einander Verantwortung tragen, und dass eine vollständige Übertragung dieser Verantwortung an die Regierung und das Militär keine langfristige Lösung darstellen kann. Beziehungsweise, sie kann durchaus eine langfristige Lösung darstellen – aber das ist dann nicht eine Zukunft zum Wohle der Mehrheit, sondern zum Wohle einer sehr geringen Gruppe von bereits Privilegierten und Reichen. Eine Banalisierung der Situation und ihre Reduktion auf klare Regeln, die von oben kommuniziert werden, mag auf einige Menschen beruhigend wirken, kann jedoch gravierende Konsequenzen nach sich ziehen.

Solidarität besteht nicht nur darin, dass man zu Hause bleibt. Solidarität bedeutet auch, die Komplexität dieser Situation zu begreifen, ihren Umfang und den Effekt, den sie auf das Leben in der Zukunft haben wird – sofern wir natürlich auf diesem Planeten weiterleben wollen.

In diesem Augenblick wissen wir jedoch nur, dass der Feind nicht unbedingt Symptome aufweisen muss, und daraus folgt, der Feind ist überall. Und daher spazieren diejenigen, die am meisten gefährdet sind, diejenigen, für die diese Schlacht geschlagen wird,, wie es die Medien ständig wiederholen, nachts, auf den leeren Straßen, wie Vampire, Werwölfe und sonstige mythische Gestalten unter dem Schutzmantel des gesunden Menschenverstands und der Solidarität.

Die Panik der Vernunft, wie auch für sich genommen der Appell an die Vernunft, zählen zu kontraproduktiven und gefährlichen Methoden, mit denen der Prozess, die gegebene Situation zu akzeptieren, lediglich scheinbar einer Lösung zugeführt wird. Wie Sascha Lobo schreibt [ https://www.spiegel.de/netzwelt/web/corona-krise-nach-vernunft-kommt-vernunftpanik-podcast-a-fef3f367-e1db-4982-845f-4a6a1180bd95 ], hat diese Panik gar nichts zu tun mit Vorsichtsmaßnahmen und mit der Eindämmung des Virus. Die Panik ist vielmehr durch Angst und Unwissen begründet, sowie durch die Tendenz privilegierter Individuen, andere Menschen als unvernünftig, verantwortungslos, unverschämt, uralt, idiotisch, egoistisch usw. abzustempeln.

Der Schock angesichts des über Nacht erfolgten Systemzerfalls (obwohl das System immer schon auf einer selbstmörderischen Mission unterwegs war), brachte eine Masse an panischen Bürgern hervor, die, in ihren Wohnungen mit Reserven an Klopapier und Desinfektionsmitteln gut ausgestattet, mit Verachtung auf diejenigen herabschauen, die es in den ersten Tagen der Pandemie gewagt hatten, in den Park zu gehen, in einem Kaffeehaus zu sitzen, oder sogar zu joggen. Diese Panik basiert auf der Annahme, dass alle diese Menschen über die gleichen Informationen verfügen, sowie dass diese Informationen nur eine einzige Reaktion hervorrufen können – eine Reaktion, die identisch ist mit der ihren. Wenn aber diese identische Reaktion ausbleibt,  wird davon ausgegangen, dass alle diese Leute nichts anderes wollen, als den „Vernünftigen“ früher oder später das Atemgerät vor der Nase wegzuschnappen, also muss man sie so bald wie möglich dazu verpflichten, auf medizinische Dienstleistungen, die Staatsbürgerschaft und ganz allgemein auf sämtliche bürgerliche Freiheiten und Rechte zu verzichten.

Solche Lynchaufrufe sind nicht nur kontraproduktiv, sondern erschaffen auch eine Atmosphäre, die nur zu einer Verstärkung der repressiven Maßnahmen führen kann, die unsere Regierung und die Regierungen der anderen Staaten Europas bereits implementiert haben. Nach dieser Logik sollten alle, die einen Spaziergang gemacht hatten, ohne es zu müssen, eliminiert werden, sobald sie krank werden. Alle, die in Österreich und Deutschland ihren Job verloren hatten und ausreisen durften und anschließend 12 Stunden an den übervollen Grenzen feststeckten, sind potenzielle Keimträger, die hierherkommen, um uns zu töten. Alle, die während der Polizeistunde mit ihren Hunden Gassi gehen, sind verantwortungslose Bürger, die die bereits abgedrehte Sozialhilfe aus ihrem Privatbudget bezahlen sollten. Alle Flüchtlinge sind gefährlich, weil sie in unhygienischen Wohnverhältnissen leben, daher sollte man sie allesamt in Lager stecken und von der Armee bewachen lassen.

Sich auf den gesunden Menschenverstand oder auf die Vernunft an sich zu berufen ist alles andere als vernünftig – die Rede ist vielmehr von einer grundlegenden Überlebensstrategie: dem Konformismus; man schürt Existenzangst und Angst vor dem Verlust der eigenen Privilegien, in einer Situation, in der klar ist, dass es früher oder später dazu kommen wird. Die Maßnahmen, die von der Regierung erlassen werden, sind nunmehr der einzige Orientierungspunkt in dieser neuen, fremden und gefährlichen Welt, die einzige Hoffnung, dass das Leben sich nach Regeln weiterentwickeln wird, die nunmehr nicht mehr gelten. Der panische Konformismus der Menschen ist ein Versuch, eine Kontinuität zu all dem herzustellen, was bereits verloren ist – und das ist, in erster Linie, das Versprechen einer Zukunft.

Worum es also eigentlich geht ist das, was Foucault als den Prozess der Normalisierung bezeichnet:

Bestrafen zu können hat im disziplinierenden Machtregime nicht das Ziel, Reue hervorzurufen oder reine Repression auszuüben. Diese Möglichkeit zu bestrafen setzt einige Operationen in Gang. Die erste Operation ist das Vergleichen der Handlungen des Individuums mit der Gesamtgesellschaft, die den Raum der Differenzierung und das Prinzip der zu befolgenden Regeln darstellt. Die Bestrafung führt eine Differenzierung zwischen den Individuen ein, die sich dadurch unterscheiden, inwiefern sie in der Lage sind, Regeln zu befolgen oder sich ihnen anzupassen. Auf diese Weise wird auch eine Hierarchisierung eingeführt, und dieser zufolge werden Fähigkeiten, Positionen im System sowie das Wesen der Individuen bewertet. Auf diese Weise wird ein Wert des Individuums bestimmt, auf dessen Basis darüber entschieden wird, bis zu welchem Grad das Individuum seinen eigenen Konformismus wird opfern müssen. Mit der letzten, fünften Operation bestimmt die Strafe auch die Grenze, um einen Unterschied zur Menge aller zuvor festgestellten Unterschiede zu bestimmen: die letzte Grenzlinie zur Abnormalität. Kurzum, indem das regelabweichende Verhalten sanktioniert wird, wird es normalisiert.

Und so kam es, dass fast über Nacht eine gewisse Anzahl von Menschen akzeptierte, dass das einzig Sinnvolle in dieser Situation darin besteht, sämtliche Aspekte des Lebens einzustellen und sich vollkommen von der Außenwelt zu isolieren. Das Gesundheitssystem steht nicht nur in Serbien kurz vor dem Kollaps, sondern auch in den spätkapitalistischen Ländern, aber angesichts dessen, dass unsere Regierung weder die Infrastruktur, noch die Geldmittel besitzt, um Tests durchzuführen, lässt sich leicht schlussfolgern, dass die mittelalterliche Methode der Isolierung (als einzige effiziente Methode bei der Eindämmung von drei Pest-Pandemien eingesetzt) bei uns am vielversprechendsten ist.

Wir bleiben in der Heimquarantäne, das steht fest, aber die nächsten Tage und Monate werden zeigen, wie effizient diese Maßnahmen sind. Während der vorliegende Text entsteht, ist der Aufbau des improvisierten Krankenhauses am Belgrader Messegelände im Gange, wo rund 3000 Patienten mit leichteren Verläufen untergebracht werden sollen, und die Regierung kündigt „Massentests“ an für alle Personen, die Anzeichen einer Infektion mit dem Coronavirus aufweisen.

Das bedeutet nicht, dass es in einem besseren System, einem internationalen, staatlichen und gesundheitspolitischen, keine andere und humanere Lösung für dieses Problem gäbe. Der Umstand, dass wir auf mittelalterliche Techniken zurückgreifen, zeigt nicht nur, dass wir kulturell-methodisch noch nicht aus dieser Periode herausgekommen sind, sondern auch dass es eine Bereitschaft der Nationalstaaten gibt, radikale Maßnahmen einzuführen, da diese, streng und schwer wie sie sind, uns einen Schein von Effizienz vorgaukeln.

Die Militarisierung des Gefühls von Ungewissheit und Angst hilft uns nicht dabei, mit den offensichtlichen Problemen dieses Systems zurande zu kommen, aber es scheint so, dass wir mit den Methoden ebendieses Systems durch die erste Welle der Pandemie kommen müssen. Das bedeutet jedoch nicht, dass andere Systeme nicht möglich sind – ganz im Gegenteil, es zeigt, dass ein neues ökonomisches und politisches System, das auf den Prinzipien des Sozialstaates basiert, nötig ist und dass seine Einführung alles andere als Science Fiction ist.

Am Ende des Tages werden wir in den Ruinen dieses Systems keine andere Wahl haben, als die Tatsache zu respektieren, zu unterstützen und zu akzeptieren, dass unser Prekariat, unsere Verwundbarkeit und unser Bedürfnis, mit anderen Menschen zusammenzuleben und in Kontakt zu sein, das einzige ist, was uns auf der anderen Seite dieses Horrors erwartet, gemeinsam mit allen Feinden, Fremden, Bekehrten, Keimträgern, Pensionisten und anderen mythischen Gestalten.

                                                                 Ins Deutsche übersetzt von Mascha Dabić