Solidarität und Verschwörung

Nähe und Bürokratie II

von Philipp Wüschner

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Berlin, 5. Mai 2020

1. Gestern wäre Tanz in den Mai gewesen. In Bayern hieß das Freinacht und man durfte machen, was man wollte. Vor etwas mehr als zwanzig Jahren haben wir das Haus unseres Lehrers mit Unmengen an Klopapier bombardiert. Wie du mich über deine Schulter angegrinst hast, während du in seinen Briefkasten gepisst hast, war eine Weile lang das schönste Bild in meinem Kopf. Wir hatten davor und danach nicht viel miteinander zu tun. Heute vor 15 Jahren habe ich in meiner Wohnung am Görlitzer Park einem Anarchisten das Tränengas aus den Augen gespült und seinen schwarzen Hoodie in Seifenlauge gewaschen. Er hat die ganze Nacht über Antisemitismus geredet und ist am nächsten Tag zurück nach Hannover gefahren. Auch du und ich haben an irgendeinem 1. Mai mal auf dem Sofa rumgemacht, nachdem wir ziellos zwischen Menschen umhergelaufen sind – woran du mich passender Weise gerade erinnerst. Und heute bin ich durch die leere Stadt geradelt und habe Erinnerungen gehabt an einen frühen Sommer meiner Schulzeit, der ein einziger Fluss aus Radtouren, Gras und Masturbation gewesen ist. Auf irgendeine Weise wurde dieser Zusammenfall von Ausdauer und Entspannung, in dem meine einsamen sexuellen Übungen kulminierten, zum Nullpunkt meiner Lust. An ihm habe ich alle zukünftigen Befriedigungen gemessen.

2. Ich habe meinen Computer auf das Schlagwort „Einsamkeit“ durchsucht, um herauszufinden, ob ich dazu irgendwann einmal etwas gedacht habe. Dabei bin ich auf Zitate eines Texts von Richard Sennett über Masturbation im 18. und 19. Jahrhundert gestoßen. Er gehört zu einem in den 1980er Jahren von Sennett und Michel Foucault gemeinsam gegebenen Seminar am Institute for the Humanities in New York zum Thema „Sexualität und Einsamkeit.“ Der Text existiert auf meinem Computer nur in auf viele Dokumente verstreuten Zitaten. Vielleicht liegt er als gedruckte Kopie irgendwo, in irgendeinem der Ordner. Die Bibliotheken sind immer noch geschlossen und bei der online-Suche stoße ich gegen die Paywall der London Review Of Books. Gleichzeitig schaltet Pornhub aufgrund der Umstände seine Premiummitgliedschaft frei. Was soll ich sagen. 

3. Es gibt laut Sennett drei Formen von Einsamkeit:

Wir kennen eine Einsamkeit, die von der Macht aufgezwungen ist. Das ist die Einsamkeit der Isolation, der Anomie. Wir kennen eine Einsamkeit, die bei den Mächtigen Furcht auslöst. Das ist die Einsamkeit des Träumers, des homme revolté, die Einsamkeit der Rebellion. Und schließlich gibt es eine Einsamkeit, die mit der Macht nichts zu tun hat. […] Diese dritte Einsamkeit ist das Gespür, unter vielen einer zu sein, ein inneres Leben zu haben, das mehr ist als eine Spiegelung der Leben der anderen. Es ist die Einsamkeit der Differenz.“ (27)

Die Einsamkeit des Rebellen ist Ressentiment, das sich für unverstanden hält. Sie führt am Ende nur zur Erkenntnis, dass man auch nicht einsam hätte sein können. Das ist eine traurige Erkenntnis, denn sie kommt immer zu spät. Mehr aber auch nicht. Die Einsamkeit durch Isolation und die Einsamkeit der Differenz hingegen sind derzeit in einen Zusammenhang gerückt worden, der es schwer macht, sie zu unterscheiden. Vielleicht so: Die Einsamkeit der Isolation spürt man an den Verboten und Beschränkungen. Ich würde euch gern wiedersehen, aber es geht nicht. Die Einsamkeit der Differenz hat mit den Verboten nichts zu tun, sondern mit den Phantasien, die sie erwecken (ich schreibe das sowieso alles nur, weil du so unerreichbar bist), und mit dem Wissen, über das sie andererseits nicht hinwegtäuschen können: dass man nämlich all dies als man selbst händeln muss. Jeder merkt nun, was ihn vorbereitet hat, und was ihn im Stich lässt, und was ihn in seinen Träumen verfolgt. Einsamkeit ist ein diffuses Licht vor einem kalten Spiegel. Dieser private, differente Modus der Einsamkeit ist niemandem mitteilbar. Einsam ist man zu allem Überfluss allein. 

4. Isolation und Differenz, das Ausgeschlossensein von der Welt, das man mit anderen teilt – we’re in this together –, und das Eingeschlossensein in sich selbst – no we’re not –, ergeben für jede‘n eine ganz spezifische Mischung. Sie wird in der ganz persönlichen Weise spürbar, in der jetzt jede‘r durch die hastig aufgespannten Netze der politischen Fürsorgebürokratie und digitalen Affekttechnologien samt ihrer Sprache hindurchfällt. Das, was nicht zu retten ist, genau das ist man selbst. Das heißt es, eine Differenz zu sein. Die gute Nachricht daran ist, dass der Staat und das Internet entgegen allen Befürchtungen unser Begehren doch nicht kennen; oder es zwar errechnen, aber immer noch nicht befriedigen können. (Manchen geht es übrigens auch gut. Für dich, sagst du, habe sich nicht viel geändert. Deine Form der Intimität war nie abhängig von der physischen Präsenz einer anderen Person. Oder zumindest von keiner Form der Präsenz, die mit einem Infektionsrisiko einherginge.) Die schlechte Nachricht ist alles andere.

5. Die Einsamkeit der Differenz ist ebenfalls eine Tochter der „Anomie“. Das Wort „Anomie“ bezeichnet die Abwesenheit des Gesetzes – wobei „Gesetz“ hier mehr meint als das, was rechtlich ge- und verboten ist. Dieses Gesetz, das hier fehlt, ist nicht nur jenes, das eine Gesellschaft einhält, sondern das, an dem sie sich festhält. Wer Anomie googelt, landet früher oder später auf dem Youtube-Kanal irgendeines Soziologiestudenten, der einem erklärt, dass Émile Durkheim damit einen Zustand im Abseits der sozialen Normen beschreibt. Anomie herrscht, wo ich sicher bin, dass mich niemand, auch kein Gott mehr erblickt. Sie beginnt schon bei der Verwahrlosung in den eigenen vier Wänden. Armut kann zu Anomie führen, schlicht, weil die Mittel fehlen, Normen zu befolgen, Reichtum kann es, weil das Gesetz im Überfluss der Mittel schlechterdings ertrinkt. Wo Anomie herrscht, weil die Gebundenheit durch gesellschaftliche Kontrolle fehlt, ist auch dem Begehren keine Grenze mehr gesetzt. Als Unbegrenztes wird es unerfüllbar und als Unerfüllbares, wird es zur Obsession, die aus der Phantasie heraus die radikale Forderung stellt, Wirklichkeit werden zu wollen. Masturbation galt deshalb als so gefährlich, weil jeder aus eigener Erfahrung wusste, wie mühelos und sogar lustvoll sie den anomischen Raum der Phantasie öffnete, in dem alle Wünsche radikal auf ihre Verwirklichung drängen.

6. Ende des 19. Jahrhunderts, schreibt Sennett, „gab es die Vorstellung, dass, wenn einer die Familie verließ und in die Menge hinausging, er frei war, alle möglichen sexuellen Erfahrungen zu machen, die er sich als Familienmitglied nicht einmal wünschen hätte können. Auf diese Weise gab es zwei Sorten Begehren: eins für den anonymen Menschen, eins für den Familienmenschen.“ Vom anonymen Begehren ging seitdem eine ungeklärte Bedrohung aus; und auch wenn sich heute immer weniger Gesellschaften im selben Maße durch das ungeregelte Begehren bedroht fühlen, hat es den Status einer minderwertigen Form des Begehrens nie ablegen können. Bis heute hält sich das Gerücht, das anonyme Begehren müsse am Ende, wenn der Spaß, den es verspricht, vorbei ist, zwangsläufig einsam werden, weil ihm Intimität, Nähe und Verantwortung wesentlich abgehe. Falscher ist vielleicht nur der Glaube, man würde umgekehrt all dies im familiären Begehren notwendig finden.

7. I should be covered in cum right now, klagt Daniel Ryan-Spaulding in einem Video, in dem er bei Sonnenschein melodramatisch um das leerstehende Berghain läuft. Wer mag ihm widersprechen. Ansonsten schweigen alle über das brachliegende Begehren, oder machen ihre Witze. Dabei gehört die Freiheit es auszuleben ebenfalls zu den Opfern der Systemrelevanz; eine Freiheit, die immer schon auf den wackeligen Beinen eines voreilig gegebenen Versprechens stand, dass sich niemand mehr aufgrund seiner eigenen (libidinösen) Differenzen einsam fühlen muss. Leider waren diejenigen, die sich am lautesten anmaßten, die progressiven Hüter dieses Versprechens zu sein, oft genug diejenigen, die es letztlich brachen. Und sei es nur durch ihre bestechende Langweiligkeit. Von ihnen ist keine Hilfe zu erwarten. (Eigentlich hat sie aber ohnehin nie jemand gebraucht. Es wurde schon unter härteren ideologischen Bedingungen ein Weg in das Bett des anderen gefunden. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass das Verbot, sich ohne triftigen Grund in einer anderen als der eigenen Wohnung aufzuhalten, auf Dauer viele Personen vom Sex mit wem auch immer abhalten wird. Ich kenne nichts Triftigeres als deinen Hals.)

8. Der Individualismus, sagt der Soziologiestudent, ist eigentlich selbst eine Art Einsamkeit. Sie entstand, als die alte Form der Solidarität, die auf der Ähnlichkeit der Erfahrung in einer Gruppe beruhten, verloren ging. Die Rechtfertigung dieser Einsamkeit als „Individualismus“ ist nichts als Überkompensation, die das einsame Individuum durch eine neue Idee von Solidarität in die Gesellschaft reintegrieren will. Das Fundament für diese „organische Solidarität“, wie Durkheim sie nennt, kann in Zeiten der Ausdifferenzierung nicht länger in der Ähnlichkeit liegen, sondern muss in der wechselseitigen, funktionalen, arbeitsteiligen Abhängigkeit selbst gefunden werden, in der man sich wiederfindet. Das heißt, dass „organische Solidarität“ nur erfährt, wer für sich Systemrelevanz behaupten kann, und wen ich umgekehrt in seiner gesellschaftlichen Funktion ansprechen kann. Diesen Funktionsträgern kann man dann in der Tat solidarisch vom Balkon klatschen, ohne je Gefahr zu laufen, einer ihrer Vertreterinnen zu begegnen. Aber als ich einmal von irgendwem vom bierfeuchten Boden, auf dem ich bewusstlos zusammengekracht war, aufgehoben und unbestohlen, unbetatscht, unversehrt nach Hause gebracht und ins Bett gelegt wurde (obwohl du mich gar nicht kanntest), hatte das meines Wissens nichts mit meiner Funktion zu tun, sondern vielleicht doch eher mit einer Ähnlichkeit der Herzen. Wie dem auch sei.

9. Organische Solidarität ermöglicht Kommunikation unter Fremden und stiftet das oft zitierte soziale Band in einer Gesellschaft. Sie tut dies mit normativem Zwang, der sich die fragwürdige Auszeichnung geben kann, liberal und vernünftig zu sein. Solche Solidarität bezeichnet kein Gefühl, sondern den Moment, da der Einzelne die Vernünftigkeit der Regeln einsieht und sich mit der Freiheit begnügt, die er in dieser Einsicht selbst findet. Wer sich hierzu genauer informieren will, lese das Paper der Leopoldina. Diese Freiheit erfüllt sich voll und ganz darin, guter Dinge zu sein, während man Mundschutze für das ganze Haus näht. Allein durch diese Reibung mit dem Gesetz – indem man es dann eben doch einsieht und sich ihm unterwirft – gibt das Begehren angeblich jene Wärme ab, die Dukrheim Solidarität nennt. Das anomische Begehren hingegen ist ein so einsames wie reibungsloses Begehren, weil es mit dem Gesetz auch den Zugang zur Solidarität verliert. Was das im Kern bedeutet, schreibt Hartmann Tyrell, zeigt sich nur, wenn man es negativ wendet: Das solidarische Individuum vagabundiert nicht!

Unbenannt

10. Allerdings ist die organische Solidarität, seit sie das Gesetz der Vernunft mit dem Gesetz des Marktes kurzgeschlossen hat, selbst in einen Zustand der anomischen Verwahrlosung geraten. Man braucht sich nichts vormachen. Die kleinste funktionale Einheit, als die man heute angesprochen werden kann, ist der Verbraucher, und sein Konsum ist umgekehrt die Standardform, die das gesetzesgemäße Begehren annimmt. Im Spätkapitalismus ist auf diese Weise bereits eine gewaltiges Maß an Vagabundieren in die Solidarität miteingeflossen. Ich brauche dich, damit ich mein Begehren anderswo ausleben kann. Eigentlich war es uns immer schon klar: Die Funktion des Marktes war es, unser individuelles Begehren nicht einsam werden zu lassen. People who bought this, also bought … Das Begehren parodiert den Liberalismus und seine Vernunftsphantasien, und wird gleichzeitig durch seine Vermarktung selbst wieder parodiert

11. Durch dieses Hase-und-Igel-Veranstaltung, bei der der Markt immer gewinnt, aber das Begehren nie verliert, entstehen eben Mode und Urbanität. Darin wiederholt sich, was einmal bedrohlich war, als Spiel, und alle dürfen sich dabei befriedigen. Jetzt wo alles zusammenbricht, können wir es uns ja zuraunen, dass wir dieses Spiel geliebt haben, und dass uns alle seine Opfer am Ende nicht davon abgehalten haben zu tanzen. Ich will dich wiedersehen im Konsum. Solange du den Boltanski/Chiapello nicht mal beiseitelegst und das einsiehst, können wir hier nicht weitermachen. Im Party-Kapitalismus, den wir liebten, weil er uns verachtete, und verachtete, wo er uns lieben wollte, schmiegen sich Gesetz und Überschreitung immer enger aneinander, bis eines Nachts – als es noch Nächte gab – nicht mehr zu entscheiden war, auf welche Seite des Gesetzes wir beide gerade fielen: auf die neoliberale Seite des Rechts, die Freiheit des eigenen Begehrens maximal auszuleben, oder auf die Seite der Anomie, in der diese Freiheit sich selbst attackiert und zur Gefahr wird. In dieser Unentschiedenheit fanden wir einen Raum für Intimität.

12. Anonymität ist eine Form der Nähe. Vielleicht sogar die reinste Form von Nähe, weil noch nicht mal ein Name mich von dir trennt. Wenn man das sexuelle Kennenlernen vor das persönliche Kennenlernen legt, erst miteinander schläft, sich dann miteinander unterhält, kann dabei ein metaphysischer Überschuss entstehen, dem schwer etwas entgegenzusetzen ist: Beim Betrachten deiner furchtbaren Möbel am nächsten Morgen schwant mir Übles, ich hätte diese Wohnung nüchtern nicht betreten, aber jetzt möchte ich nicht gehen, weil ich dich ausloten will. Daraus kann eine Solidarität wachsen, die sich von der organischen, arbeitsteiligen Funktion verabschiedet, und die Rolle der Ähnlichkeit wieder ins Spiel bringt; eine Ähnlichkeit, die allerdings weniger mit dem sozialen Roleplay der Anerkennung zu tun hat, als mit einer Gemeinschaft von Geheimnisträgern. Das ist Solidarität im Modus der Verschwörung. Je spezifischer oder randständiger das Begehren ist, in dem wir uns treffen, desto intensiver kann diese Form der Ähnlichkeit werden; und desto unwichtiger wird, wer du sonst so bist. Zwei Einsame, woher sie auch kommen mögen, die sich nur versprechen können, dass das, was sie da vorhaben, schon gut gehen wird; zwei, die wissen, dass Einverständnis immer nachträglich gegeben werden muss, und die sich über die Unmöglichkeit von Sicherheit im Begehren keine Illusionen machen. Das Vertrauen in diese tiefe Ähnlichkeit kann für den Moment das Gesetz suspendieren. Sie nimmt der Differenz nichts von ihrer Einsamkeit, aber sie schafft Nähe, manchmal bis in den Nahtod. Und alle Verschworenen wissen dann: Wahre Solidarität gibt es nur unter Einsamen. Alles andere ist Bürokratie.

13. Das bringt uns ins Heute, da der Frühling uns seine desinfizierten Finger in den Mund steckt. Während die New Yorker Gesundheitsbehörde Informationen zu Safer Sex während der Corona-Krise herausgibt, die auch Hinweise zu Sex mit mehreren Partnern, zu Rimming, und zum korrekten Reinigen von Sex-Toys enthält, findet in der hiesigen Öffentlichkeit Sex außerhalb der Ehe, oder neuerdings außerhalb des „Hausstandes“, nicht wirklich statt. Und weil diese Form der Lust noch nie als das wahre Begehren angesehen wurde, wird der Verzicht darauf als verhältnismäßig vorausgesetzt. Selbst Dating-Apps warnen vor den Risiken und verweisen ohne Scham auf ihre Videochatfunktionen. Mit dem vagabundierenden Begehren wird aber nicht nur eine Form des Begehrens verabschiedet, sondern, mit Foucault gesagt, etwas Begehrenswertes selbst. Daher überzeugt die Solidaritätserotik, die diesen Verlust maskieren soll auch so wenig. Im Zentrum dieser Erotik steht das Paradox, an das wir uns mittlerweile brav gewöhnt haben: Solidarität zeigen, heißt jetzt, auf Nähe zu verzichten. Die, die sich stark glauben, agieren so wie die, die sich schwach wissen. Seinen Beitrag leisten heißt jetzt, nichts zu tun. Sicherheit heißt nicht, sich zu schützen, sondern sich als Gefahr zu begreifen. Wir fragen nicht länger, was die Allgemeinheit für den Einzelnen tun kann, sondern wie der Einzelne die Allgemeinheit vor sich verschont. Und so weiter. All dies soll durch das Balkongesinge, Zoom-Geflirte, Party-Streaming eine Form bekommen, damit man sich in 10 Jahren erinnern kann, wie schön eigentlich Corona war, und dass Jake Gyllenhaal auch mit langen Haaren gut ausgesehen hat. Im besten Fall wird hier die Vorproduktion von Nostalgie betrieben.

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14. Erotik war immer schon das öde Ende des Sexes. Sie hält sich mehr oder weniger an ein Gesetz, das sie nie wirklich begreift, und spielt mit der Überschreitung, zu der ihr dann doch der Mut fehlt. Erotik ist die Kunst, sich schlecht zu verhüllen, bleiches Fleisch zu zeigen, irgendwo in der bürgerlichen Randzone zwischen Fetisch und Accessoire: Dort steht man jetzt auf Masken und findet das Gesetz eigentlich ganz sexy. Man testet einmal seine Hörigkeit aus, als könne man Askese als Hobby betreiben, und kann jetzt endlich einmal ein Verbot, das die eigene Lust betrifft, genießen und sich unterwerfen, ohne als unterwürfig bezeichnet zu werden und ohne sich mit der eigenen Lust daran auseinandersetzen zu müssen. Es gewächst einem keine Gefahr und kein Nachteil daraus. Erotik versucht ambivalent zu sein, ist aber eigentlich immer nur unentschlossen: Man läuft in zwei Meter Abstand über das Tempelhofer Feld, aber teil sich ein Bier dabei. Vor der Haustür sieht man sich an, als wünschte man sich, man könnte sich den Mundschutz runterziehen und sich die frischgewaschenen Finger gegenseitig auf die Lippen legen. Die Krise hat euch geil gemacht. Aber genau diese Lippen sagen: Besser nicht. Zum Abschied umarmt man sich nicht, während um einen herum, unsichtbar, virusaktiv und feucht das Aerosol zum Boden sinkt. Später fällt euch ein, dass ihr aus derselben Flasche getrunken und vom selben Filter geraucht habt. Das Gewissen vibriert leise, und euch überkommt ein wohliger Schauer. Hoffentlich, denkt ihr, ist alles bald vorbei. Und irgendwo in Mannheim sitzt mein Freund O. und lacht sich schlapp, weil er schon seit 2018 im Keuschheitsgürtel seines Masters steckt.

15. Die Grenzen der Erträglichkeit dieser neuen Solidarität werden gerade ausgelotet. Thea Dorn schreibt auf Zeit-online, dass kein Gesetz, das das Besuchsrecht in Krankenhäusern und Altenheimen einschränkt, sie daran hindern würde, im Fall der Fälle ihrem sterbenden Vater beizustehen. Der Tod ist eine Grenze, die zeigt, wo die neue Solidarität unplausibel wird. Das Begehren ist eine andere.  Anders als der Tod, ließe sich das Begehren allerdings aufschieben. Am Ende soll all dies ja etwas sein, das vorrübergeht. Bis zur erfolgreichen Reduktion der R-Zahl, dem Auffinden einer Therapie, oder der Entwicklung eines Impfstoffes wird man sich wohl zurückhalten können. Jeder gibt schließlich derzeit etwas auf. Der sicherste Sexpartner, liest man irgendwo, sei man in diesen Tagen selbst. Man ruft also zur Masturbation auf. Da wir das vorher schon getan haben, ist die Stoßrichtung des Vorschlags nicht ganz klar. Es heißt, man soll dort Dinge an sich entdecken, die man vorher nicht kannte:

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16. Diese Form der Selbstbefriedigung als Selfcare ist der traurige, erotische Höhepunkt der neuen Solidarität. Den metaphysischen Überschuss der anonymen Begegnung, die nur noch in der Fantasie stattfindet, wischen wir uns verschämt mit dem Handtuch ab. Aber mit dem Verlust der Gefahr, die dein Begehren für mich bedeutet, und meines für dich, verliert auch unser Vertrauen seinen Ausbildungsort. Woran sollen wir es üben? Immer schon haben sich Einzelne der Gefahr, die der Andere darstellt, nicht nur ausgesetzt, sondern sie gesucht, weil sie sich eine Befreiung ihrer selbst davon versprachen. Immer schon haben umgekehrt andere ihren härtesten Blick aufgesetzt und sich als Projektionsfläche einer Gefahr gebrauchen lassen, die sie gar nicht wirklich darstellten. Und immer schon haben zwei Einzelne sich der Gefahr hingegeben, die allein von ihrem Beisammensein ausgelöst wird. Schon immer ist es auch schiefgegangen. Zurzeit, hört man, lässt man es lieber sein, nicht aus Angst, sondern aus Solidarität. Organische Solidarität ermöglicht Kommunikation unter Fremden; aber nur, indem sie ihnen eine Funktion oder ein Leid oder eine Identität zuschreibt. Sie vernichtet das Fremde im Fremden. Sie unterstellt uns – zurecht – dass die fetischisierte Gefährlichkeit meistens nur unseren Vorurteilen und unserem Exotismus entstammen. Aber sie gesteht uns nicht zu, dass wir, indem wir diese Gefahr suchen, jene Vorurteile an uns selbst exorzieren. Sie leugnet es, lässt sich vermuten, weil sie keine Ahnung von der Lust hat, die sie mit ihrer fragwürdigen Erotik verdeckt.

17. Der Rat zur Selbstbefriedigung ist nicht ohne historische Pointe. Wird damit doch gerade jene Sexualpraxis zum Gebot der Stunde, von der ursprünglich alle anomische Gefahr ihren Ausgang nahm. „Eine Person allein mit ihrer Sexualität“, schreibt Sennett über das 18. Jahrhundert, erschien als eine Person allein mit einer sehr gefährlichen Kraft.“ Masturbation galt als noch gefährlicher als der Sex mit Prostituierten oder Strichern, weil sie dem vagabundierenden Begehren nichts in den Weg gestellt hat. Heute ist sie der risikoarme Restbestand einer alten Subjektivität, die noch Begehren in sich trug. Ihre ursprüngliche Gefahr ist auf ein paar Minuten Selfcare zusammengeschmolzen, sodass man gar nicht mehr erahnt, was daran einst als bedrohlich angesehen wurde. „In der Einsamkeit […]“, schreibt Sennett, „erfindet eine Person ein Liebesleben, das die Welt niemals ausreichend vollbringen kann. […] Zwischen Phantasie und sozialer Ordnung besteht ein grundlegender Antagonismus.“ (50f.) Die Gefahr, die von der Selbstbefriedigung ausging und Frauen wie Männer in den Wahnsinn getrieben haben soll, lag darin, die Lücke zwischen Vorstellung und Welt, zwischen Phantasie und Wissen zur erogenen Zone und zum Objekt der Obsession zu machen. Zur Phantasie kommt durch die Lust, die sie auslöst, die radikale Phantasie ihrer Verwirklichung noch hinzu. Das war immer der Reiz der Anomie, dass sie der Möglichkeitsraum war, in dem die Phantasie ihre Hände nach der Wirklichkeit ausstrecken konnte: Ich möchte nicht nur, dass du das mit mir machst, ich möchte, dass du es wirklich machst.

18. Sennett und Foucault, jeder auf seine Weise, halten nichts davon, den Sex danach zu fragen, wer man ist. Zurecht. Die Einsamkeit der Differenz bestimmt sich nicht allein aus dem Begehren. Aber vielleicht ist das auch nicht der springende Punkt. Das Begehren kann uns auf eine wunderbare Weise uns selbst fremd machen. Es spitzt uns auf etwas zu, was wir gar nicht richtig beschreiben können, und richtet diese Spitze gegen uns selbst. Manchmal erschrocken, gelegentlich amüsiert, häufig erstaunt nehmen wir zu Kenntnis, was wir da eigentlich begehren. Zur sozialen Wirklichkeit bereitet es die Gegenverwirklichung vor. Es ist das Begehren, das uns vagabundieren lässt und in die Einsamkeit der Anomie zieht, weil wir diese Einsamkeit plötzlich als Bedingung einer bestimmten Form von Nähe und Ähnlichkeit begreifen, die die Solidargemeinschaft für uns nicht bereithält. Die Idee, dass es einmal ein Verlangen nach dieser Form der Nähe gab, das kein Risiko scheute, wird bald schon unter die Verschwörungstheorien fallen. Und so gibt es vielleicht eine vierte Einsamkeit: Die Einsamkeit, das Begehren nach dem Fremden in sich selbst zu verlieren, und damit den letzten, besten, unbekannten Freund. Abgesehen vom Stressabbau ist die Masturbation und die Phantasien, mit denen sie uns konfrontiert, also vielleicht nur für dieses gut: sich für einen Moment darin zu verlieren, sich angesichts dieser Phantasien selbst fremd zu werden – und somit die Möglichkeit zu schaffen für eine verschwörerische Nähe zu sich selbst. Damit lässt sich eine andere Hoffnung in diese einsame Praxis setzen, nicht als self care, sondern als das einzige exorzistische Ritual, das wir noch regelmäßig praktizieren.

19. Die Phantasien, auf die die Masturbation angewiesen ist, die sie aber gleichzeitig selbst produzieren kann, sind radikaler als die Phantasien der Erotik, denn im Gegensatz zu diesen, die sich in ihren vagen, lauwarmen Andeutungen genügen, erträumen jene ihre Verwirklichung notwendig mit. Zum Beispiel möchte ich, dass wir wirklich in Masken voreinanderstehen und alles dem Gesetz entsprechend abläuft. Ich möchte das Gesetz nicht lieben, weil ich es fürchte, sondern fürchten, weil ich es liebe. Ich möchte, dass die Lust zu strafen und bestraft zu werden, nicht verdeckt wird durch ein so schlüpfriges Wort wie Solidarität und dem anzüglichen Bedauern, dass Deutschland es hätte am besten von allen schaffen können, wäre man nur noch strenger gewesen. Ich will keinen Sadismus, der sich als Vernunft tarnt, wenn er Lockdown-Verweigerern den Tod am Atemgerät wünscht, und keinen Masochismus, der so tut, als wäre seine Angstlust beim Lesen über vom Zytokinsturm zerfetzten Lungen wissenschaftlich motiviert. Erst diese symbolische Verhüllungen, derer sich die Erotik stets rühmt, führen in den Faschismus, nicht die Lust. Es gibt einen Umgang mit dem Gesetz, der zielt weder auf Autonomie ab, denn er liest die Regeln an der Kontingenz der äußeren Umstände und ihrer Bedingungen ab, noch auf Unterwerfung, weil diese Regeln durch eine gnadenlose Erfüllung überschrieben werden. Ich will, dass wir das Gesetz lieben, wie wir es als Kinder geliebt haben: als das, was das Spiel spannend macht. Ich möchte, dass du mir genau sagst, auf welche Platten des Straßenpflasters ich treten darf, und ich werde sie dann wirklich nicht betreten. Ich möchte dir wirklich sagen, was du berühren darfst und was nicht. Ich will dich im Park sehen, aber nicht zum Spazierengehen. Ich will über die Flüssigkeiten nachdenken, die man austauschen kann, ohne sich näher als 1,5 Meter zu kommen. Ich will wirklich virenfrei vor dich treten, ausgehungert und getestet, ich will, dass du für mich wirklich in absolute Quarantäne gehst, vierzehn Tage oder länger. Ich möchte, dass du zusiehst, wie ich mir die Hände wasche, bevor ich dich berühre. Wir werden das Problem unseres Atems und unserer Spucke lösen müssen. Wir haben es uns schon lange verschwörerisch gestanden: Auch uns macht die Krise geil. Auch wir stehen auf das Gesetz und auf die Gewalt, die es gesetzt hat, und die Zonen, die sie auf die Körper gemalt hat. Aber noch mehr stehen wir auf die Gesetzeslücken, die sich darin auftun. Legales, was eigentlich verboten gehört. Wenn das zukünftige Gesetz voll und ganz darauf abhebt, sich als Gefahr für den anderen zu begreifen, so bleibt das Recht, sich selbst zu riskieren davon auf bezeichnende Weise unberührt. Ich will, dass wir wirklich alles, was wir an Pillen und Pulvern in unseren nun nutzlos gewordenen Discobeuteln noch finden, einschmeißen. Ich will dich wegdämmern sehen, du sollst mich wegdämmern sehen. Alle Mystiker wissen: Wirklich wollen, heißt willenlos sein. Wir sind eine Gefahr, aber wir sind sie nur füreinander. Das ist der Trick. Dein Mund ist unendlich. Wir schließen die Welt von dem Risiko aus, das wir miteinander eingehen. Soll sie an was anderem erkranken, ich erkranke an dir und will gefährlich für dich sein. Du riechst so gut nach Maiglöckchengift. Ich will der Virus sein, der deinen Brustkorb hebt und senkt.

20. Was ist ein Virus? Fremdes, dass sich verwirklicht, mitten in uns. Ich will dich zu nichts aufrufen. Mach, was du willst. Ich bin kein Verführer, ich bin Verschwörer. Ich sehe dich gleichzeitig, von vorne und hinten. Du fragst, wo ich bin. Anomie ist ein weißer Raum am Ende des Rausches. Erst jetzt bleibt nichts mehr zu sagen als unsere Namen. Deiner weht wie ein Wind durch den kommenden Mai. Ich sehe euch vor mir, ihr wunderschönen Vagabunden. Ich sehe euch wieder. Wartet. Ich komme.