Körperliche Solidarität

von Marie von Heyl

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Berlin, 27. April 2020

Bleibt zu Hause! Wie oft haben wir diesen Satz in den letzten Wochen gelesen, selbst ausgesprochen oder als Hashtag unter unsere Posts auf Facebook und Instagram gesetzt? Die Worte sind zur Parole geworden, die unser Einverständnis mit den Einschränkungen ausdrücken soll, denen wir seit dem Ausbruch der Corona-Krise ausnahmslos unterworfen sind. Doch weit mehr als das, sie taugen sogar zum Werbeslogan. Die Streaming-Plattform Netflix, momentan ein klarer Gewinner der jüngsten Entwicklungen, plakatierte im März in mehren Städten großflächig Spoiler ihrer erfolgreichsten Serien zusammen mit dem Aufruf zu Hause zu bleiben. Stay the fuck home! Wer das liest, so die belehrend-sadistische Botschaft, ist doof. Oder zumindest so egoistisch, dass er es verdient, dass sein Seriengenuss gemindert wird. Der andere Ruf der Stunde ist der nach Social Distancing. Dankbar für einen Begriff, der Aktivität in Zeiten physischer Verletzlichkeit und emotionaler Paralyse ausdrückt, wurde er früh von diversen Seiten aufgegriffen und auf allen Kanälen gepredigt. Ebenso schnell wie er aufgekommen war, geriet der Begriff allerdings auch in die Kritik. Es werde soziale Isolation suggeriert, hieß es, wo doch eigentlich nur von räumlicher Distanzierung die Rede sein könne. Denn findet das Sozialleben nicht weiter statt, wenn auch auf andere Kanälen? In den sozialen Medien, in Telegram- und WhatsApp-Gruppen und verstärkt wieder übers gute alte Telefon? Ein weiterer Gewinner der Krise ist das nun allgegenwärtige Zoom. Eine Technologie, die zum Präfix für alle Aktivitäten geworden ist, die in den virtuellen Raum wechseln mussten: Zoom-Lehre, Zoom-Parties, Zoom-Lesegruppen, Zoom-Cocktails, Zoom-Pilates. Alles das kann doch weiter stattfinden, wo ist also das Problem?

“Das Problem ist,” erzählt mir eine Freundin, “dass ich bei unseren Zoom-Meetings der Anonymen Alkoholiker Lurker und Trolle erst rausschmeißen kann, wenn sie sich wirklich daneben benehmen.” Für eine Selbsthilfegruppe, die Anonymität sogar im Namen trägt und Offenheit für jeden praktiziert, laufen technische Vorkehrungen wie Passwort-geschützte Gruppen oder die “kick out”-Funktion von Zoom gegen all ihre Grundprinzipien. Doch gerade in Zeiten der Unsicherheit mehren sich die Rückfälle von Betroffenen, die Arbeit dieser Gruppen ist wichtiger denn je. Hier zeigt sich, dass es zwei Arten von Anonymität gibt. Auf der einen Seite die Anonymität von Trollen im Netz, Ermunterung für ein aggressiven Verhalten, das die meisten unter ihrem Namen nicht an den Tag legen würden. Auf der anderen Seite die selbstauferlegte Anonymität von Selbsthilfegruppen, die dem Schutz der Teilnehmenden gilt. Den Unterschied macht der Körper. Wo Anonymität die Bedingung für das Zusammenkommen eines Wir ist, ist der Körper im Raum ein Zeichen des Vertrauens, eine Erdung. Und so körperlich explizit sogenannte “Zoom-Bombings” auch sein mögen, sie werden erst dort möglich, wo Körper auf ihr Abbild reduziert sind. Dieses Abbild bewegt sich durch die virtuellen Räume wie ein Geist, es ist ebenso schnell wieder verschwunden wie es aus dem Nichts aufgetaucht war. Der Blick unters Laken bleibt uns in diesen kurzen Begegnungen leider oft nicht erspart. Es ist diese Anonymität eines Ich, zum Beispiel in Form eines ungebetenen Gasts im virtuellen Raum, die zur Gefahr wird für die Anonymität eines Wir. Und zwar dort, wo sich die Relation beider gefährlich verschiebt, dort wo die Allianz von Körpern wegfällt.

In „Notes Towards a Performative Theory of Assembly” unterscheidet Judith Butler zwei Allianzen, die sich über das Körperliche verschränken. Die Allianz des Ich vereint all jene Aspekte, die das Leben eines Individuums ausmachen. Niemand ist nur Asylsuchender, Familienmitglied, Angestellte, Mann, Frau oder Bürgerin —die vielen sozialen, ökonomischen und biologischen Faktoren bilden eine Allianz, die wir Ich nennen. Das wird dort wichtig, wo Körper zu einer Allianz des Wir zusammenkommen, um gegebene Lebensbedingungen zu kritisieren oder zu verändern, sei es in offenen Selbsthilfegruppen oder als Protestbewegung im öffentlichen Raum. Ein Körper auf der Straße trägt niemals allein ein politisches Anliegen vor, sondern immer auch seine Körperlichkeit und Verletzlichkeit. Geschlecht, Ethnie, Versehrtheit ... diese Spezifika laufen mit, egal unter welchem Banner wir uns versammeln. Deshalb ist in Butlers Augen auch nicht unsere Identität das verbindende Element, sondern unsere Prekarität. Zwischen Wir und Ich besteht eine Wechselwirkung, Singularität ist eine Bedingung für Pluralität und andersherum. Diese Allianzen können durch die Verbalisierung eines Anliegens nicht vollständig erschöpft werden, und so transportieren Körper, die sich versammeln, Signifikanz stets schon vor und jenseits jeder Artikulierung:

“Taking place outside of parliamentary modes of written and spoken contributions, the provisional assembly still makes a call for justice. But to understand this “call,” we have to ask whether it is right that verbalization remains the norm for thinking about expressive political action.” (Butler, Notes toward a Performative Theory of Assembly, 2018. S.18).

Die räumliche Isolierung, die wir aufgrund der Corona-Krise erleben, ist deshalb vielleicht weniger eine Gefahr für das Soziale als für das Para-Soziale. Wer schon vor der Krise gut vernetzt war, leidet unter Umständen weniger unter den Beschränkungen als all jene, die Nähe suchen indem sie auf Distanz bleiben. Diejenigen, die gerne am Rand der Tanzfläche stehen. Diejenigen die alleine an der Bar sitzen und trotzdem die Gemeinschaft aufsaugen. Diejenigen, die treu zu jedem Treffen der Lektüregruppe kommen aber niemals den Mund aufmachen. Diejenigen, die sich zwar mit den anderen auf der Straße solidarisieren würden, aber weder den Blick der Kamera ertragen noch die richtigen Worte finden, um sie auf Twitter zu posten.

“Das Problem ist,” erzählt mir eine andere Freundin über FaceTime “dass beim Zoom-Pilates manchmal der Hintern meiner Lehrerin in voller Größe meinen Bildschirm ausfüllt. Ich frage mich natürlich sofort, wie mein eigener Hintern im Bild positioniert ist.” Das Problem hier ist also eines der Perspektive. Bei der Übersetzung eines physischen Zusammentreffens in den digitalen Raum muss der eigene Körper auf eine Kamera ausgerichtet werden, all die möglichen Körperansichten einer Begegnung im physischen Raum werden auf einen einzigen Winkel reduziert. Was hier verloren geht, reicht weit über das Unbehagen meiner Freundin hinaus und doch ist dieses ein Symptom des Verlusts. Denn wenn Körper zusammenkommen, und das gilt für die Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker genauso wie für Pilates-Stunden in Bermondsey oder Nächte im Berghain, wenn Körper zusammenkommen, dann entsteht aus der Allianz von Ich und Wir ein Zustand zwischen den Pronomen, wie Butler schreibt:

“this parking of my body in the middle of another’s action, is neither my act nor yours, but something that happens by virtue of the relation between us (…) between the I and the we” (Ebd., S.9)

Diese Relation ist multiperspektivisch und nicht auf eine einzige Ansicht herunter zu brechen. Der virtuelle Raum jedoch reproduziert einen Körper als Avatar seiner selbst, als talking head oder Sprechpuppe oder — wie beim Zoom-Pilates — als Körperpuppe in Ausrichtung auf die Kamera. Diese Avatare sind weder völlig präsent noch völlig anonym, sie können sich weder in der Menge verlieren, noch ihre Körper jenseits von Sprache als Teil einer Gruppe sprechen lassen.

Für Judith Butler setzte diese Fragmentierung nicht erst mit der Virus-Krise ein. In ihren Augen ist soziale Isolation eine Konsequenz der Ethik des Neoliberalismus, die aus dem Prinzip Verantwortung eines der Selbst-Verantwortlichkeit macht. Die soziale Abhängigkeit von Menschen wird durch diese große Erzählung auf perfide Weise umgedichtet, jeder Einzelne ist für sein eigenes Schicksal verantwortlich. Eine schwere Bürde, die für viele materiell wie psychologisch kaum zu schultern ist. Gleichzeitig untergräbt die Logik desselben Systems strukturell die Chancen überhaupt ein “liveable life“ zu führen, wie Butler es nennt. In Zeiten des Neoliberalismus, in denen die Gemeinschaft fragmentiert und das Individuum in seinem Elend nicht nur alleine gelassen, sondern dafür verantwortlich gemacht wird, ist das Zusammentreffen von Körpern besonders wichtig. Versammelte Körper machen sichtbar was systemisch unsichtbar gemacht werden soll. Wer sich in seiner Prekarität solidarisiert setzt der sozialen Isolation etwas entgegen. Wenn aber durch eine Pandemie auf einmal Körper zur Gefahr für andere Körper werden, dann trifft das besonders jene, die ohnehin schon isoliert waren. Die Möglichkeit sich non-verbal über Körper im Raum zu solidarisieren entfällt und mit ihr die schützende und tröstende Anonymität des Wir.