Auch darauf habe ich noch keine endgültige Antwort

von Janna Hilger und Janis Walter

 

Berlin, 18. Juni 2020

 

Janis: Wie geht es dir?

Janna: ‚Danke, mir geht es gut.‘ hätte ich dir vermutlich noch vor wenigen Wochen geantwortet. In der Form antworten wir häufig auf diese Frage, auch wenn es nicht die Wahrheit ist. Die Frage ist Teil unseres ritualisierten Umgangs miteinander und daran ist auch erst einmal gar nicht so viel falsch. Wir wollen selten die ehrliche Antwort hören und antworten selten ehrlich auf diese Frage. Das ist eine skurrile Form von Einverständnis: Wir haben implizit verabredet, dass ich dir eine Frage stelle, die du nicht ernst meinst und die ich deshalb nicht ehrlich beantworten muss. Das ist unsere Normalitätserwartung. Seit Ausbruch der Pandemie ist eben diese Normalitätserwartung irritiert. Die Frage nach dem Befinden meiner Gegenüber hat an Ernsthaftigkeit gewonnen, ihre floskelhafte Unschuld eingebüßt.

Dennoch würde ich auch jetzt nicht antworten, dass es mir schlecht geht. Es ist überhaupt schwer gerade ein Gefühl zur Welt zu entwickeln, das zu ihr passt. Die Zeit vor der Pandemie kommt mir erst im Rückblick wie Normalität vor und die ist nicht einfach zu Ende, sie ist eher abgebrochen.

Janis: Ja, die geteilte Erfahrung während der Corona-Pandemie für Menschen im akademischen Betrieb ist eine der Stillstellung. Angewiesen, sich zu Hause aufzuhalten sind wir der Orte beraubt, an denen unser Alltag bisher stattfand: der Bibliothek, des Seminarraums, der Kaffees, kurz: der Orte an denen wir bisher kollaborativ gedacht haben und für die wir eine Praxis des Denkens entwickelt hatten. Wir finden uns nun wieder auf einer Art Abstellgleis gesellschaftlicher Relevanz. Unser Beitrag zur Eindämmung der Pandemie ist wesentlich Untätigkeit. Das irritiert und frustriert bisweilen, weil es uns die eigene gesellschaftliche Position vor Augen führt: privilegiert und im entscheidenden Moment eher irrelevant.

Janna: Nicht allen scheint es so zu gehen. Es gibt auch eine Reihe von Denker*innen – eigentlich eher Denkern – die das Gefühl haben gerade jetzt sei die Zeit, sich weit aus dem Fenster zu lehnen. Ich beobachte die Versuchung, der Krise mit bekannten Begriffen und Kategorien zu begegnen, für die sich endlich eine idealtypische Anwendung gefunden hat: Biopolitik, Ausnahmezustand, das nackte Leben, sie alle wirken wie gemacht für die gegenwärtige Situation und doch sperrt sich etwas in mir dagegen. Mich beschleicht das Gefühl, dass derlei Autor*innen die Krise in diesem Sinne fast spannend finden, weil sie die Möglichkeit gibt, mit voller Berechtigung das Gelernte anzuwenden.

Janis: Das führt zu der Frage, welche Rolle und Funktion Theorie dann haben kann? Hilft sie wirklich zu bergreifen, was gerade mit uns geschieht? Wie gelingt es den sich überschlagenden Ereignissen adäquat zu begegnen?

Janna: Wie angedeutet glaube ich, dass eine bestimmte Handhabung von Theorie eher den Blick verstellt: Wenn Gesellschaft und im Besonderen gesellschaftliche Krisen nur ein Anwendungsfall für Theorie sind, dann ist das der Ausstieg aus einer involvierten theoretischen Arbeit, wie sie mir vorschwebt, und verhindert Kritik. Kritik ist genau nicht die Gegenwart in ein zusammenhängendes theoretisches Konzept einzuschnüren. Mir ist es wichtig, vor und mit der Theoretisierung eine affektive Bestandsaufnahme des gegenwärtig Erlebten vorzunehmen. Wir sollten – als Teilnehmende an dieser Erfahrung – den Erfahrungsraum Corona ausloten. Dazu gehört, sich an einem neuen Denkinstrumentarium zu versuchen – dem weiten, weichen Pinselstrich über verschiedene Denkansätze hinweg, dem Zusammenbasteln von Collagen und dem kleinteiligen Auseinandernehmen unseres Alltags. Dass wir dabei weiterhin als akademisch geschulte Personen schreiben und erleben, ist klar. Das schließt ein, sich bewusst zu sein, dass Denken und Nachsinnen nicht Allen möglich sind, seiner Privilegien bewusst zu sein.

Janis: Mit Deleuze und Guattari könnte dein Vorschlag als „Kartographie“ gefasst werden. Das schließt die Möglichkeit ein, von verschiedenen Punkten aus unseren Erfahrungen zu folgen, keinen notwendigen Einstieg angeben zu müssen, von dem aus sich alles Weitere strukturiert. Dies mag oberflächlich-zeitdiagnostisch wirken.

Janna: Vielleicht ist es aber angebracht, sich selbst in seiner Phobie vor der unreinen, offen liegenden und mit Körperlichkeit in Kontakt stehenden Oberfläche zu befragen. Vielleicht muss eine gegenwartsadäquate Theoriebildung ihre Berührungsängste verlieren. Und vielleicht gilt es, der Kritik den Waschzwang auszutreiben.

Janis: Die Pandemie und vor allem die erlassenen Vorschriften und Empfehlungen laden dazu ein, sich ihrer als Metaphern zu bedienen. Dem Reiz sollten wir später noch ein wenig nachgehen, ohne sie über zu strapazieren. Gerade weil Begriffe wie „Kontaktbeschränkung“ so nah an unserem leiblichen Erleben sind, wirken sie fast als wären sie der Phänomenologie entnommen.

Aber vielleicht schauen wir kurz noch einmal auf den Beginn unserer Unterhaltung: Du meintest, die Frage „Wie geht es dir?“, hat ihren Klang verändert. Das zeigt an, dass etwas grundlegend anders ist. Ich mag sehr den Einstieg in das Spiegelinterview mit Adorno von 1969. Studierende hatten ihn gerade gezwungen seine Vorlesung auszusetzen. Der Spiegelredakteur versucht dann mit der Einleitung „Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung ...“ auf die aktuelle Situation zu sprechen zu kommen. Adorno wiederrum entgegnet trocken: „Mir nicht.“ Und lässt sich dann im Folgenden doch auf ein Gespräch ein. Darin findet sich zweierlei: Zum einen und das erleben wir gerade auch, gibt es einen Bruch, ein Davor. Zum anderen, muss aber keineswegs in diesem Davor alles in Ordnung gewesen sein.

Janna: Es lohnt bei diesem Moment der Zeitlichkeit zu verweilen: Das in Echtzeit kommunizierte Infektionsgeschehen hält uns in Atem und verdrängt die Frage nach dem Davor und Danach. Derart wirkt das Davor auf irritierende Weise normal. Dass wir aber der Pandemie unter Bedingungen begegnen müssen, die natürlich Teil von politischen Entscheidungen waren, wird dabei kaum zum Thema. Das Danach bleibt auf beunruhigende Weise auch außen vor, jenseits des Wunsches, dass schnellst möglich danach alles wie davor ist, ist es kaum Teil von einer öffentlichen Debatte.

Janis: Ja, es gerät aus Blick, dass gerade politische Entscheidungen im Eiltempo getroffen werden. Die Folgen dieser Entscheidungen sind zum Teil mittel- bis langfristig, nehmen wir nur die Verschuldung: Das jetzt ausgegebene Geld erzwingt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einen Schuldendienst, der politische Spielräume erheblich einschränken wird. Dabei geht es nicht um einen Generationenkonflikt. Die Zinsen müssen ab der Schuldenaufnahme bzw. ab dem Folgejahr gezahlt werden, nicht erst von der Generation unserer Enkel. Wir stecken also schon mitten in einem Verteilungskampf. Das steht in einem krassen Gegensatz zu diesem Eingangs erwähnten stillgestellt Sein.

Janna: Zugespitzt könnten wir sagen: Unsere Teilnahme an der Rastlosigkeit ist Stillstand. Raum und Zeit wirken in zwei Sphären zerfallen. Dafür gibt es – ein wichtiger phänomenologischer Marker – inzwischen sogar einen Hashtag: #ronarig, der mindestens zwei Bildschirme umfassende, heimische Schreibtischaufbau von Tradern der großen Handelsplätze. Diejenigen, die gerade in turbulenten Zeiten hektisch schreiend mit Beträgen gehandelt haben, bei denen die meisten von uns vermutlich erst überlegen müssten, wie viele Nullstellen die haben, schreien höchstens noch ihren Hund an. Jenseits des Parketts, das schon immer im Verdacht stand, auf irritierende Weise auf Distanz gegangen zu sein, sind sie – wie wir auch – in die (auch) körperliche Isolation verwiesen.

Janis: Und wir warten: Bis sich die Verdopplungszeit verlängert, bis die Reproduktionszahl unter R=1 sinkt, bis ein Impfstoff entwickelt ist, bis zu einem diffusen Danach.

Den Zustandsbericht über – flapsig formuliert – die Welt da draußen entnehmen wir Zahlen und Graphen. Relativ zu Beginn der Pandemie hieß es #flattenthecurve, die Kurve der Infektionszahl klein halten, so klein, dass unser Gesundheitssystem mit der Behandlung hinterherkommt, nicht kollabiert. Wir alle kennen die Grafik, die diesen Erfolg verspräche und haben angstvoll auf die exponentielle Kurve einer ungebremsten Ausbreitung blicken gelernt. So viele Zahlen und mathematischen Modelle haben die meisten seit ihrem schulischen Mathematikunterricht nicht mehr vorgelegt bekommen. Aber auch über das Pandemiegeschehen hinaus gibt es eine neue Aufmerksamkeit für Zahlen: In Zeiten, in denen O-Töne in der Fußgängerzone einzufangen schwer geworden ist, weil hier ja eigentlich niemand mehr sein darf, sind die Zahlen die authentischen Stimmen über die Anderen: Sie gucken ebenfalls Netflix, haben mit Yoga angefangen und kochen wieder viel öfter, als früher, das legen zumindest die Zahlen der Aufrufe von chefkoch.de nahe.

Janna: Ein Blick auf die Zahl der Infizierten, Neuinfektionen und Toten soll ein Geschehen abbilden, das in krassem Gegensatz zum Erleben vieler steht. Hier lohnt der Rückgriff auf Pandemie-Metaphern für einen Übergang zu einer vorsichtigen Phänomenologie: Wir erleben die Welt wie in einem Schutzanzug oder durch eine Scheibe. Unser Weltbezug ist gebrochen und vorerst finde ich mit dem Begriff „kontaktlos“ sehr treffend beschrieben.

Daran ändert sich auch nichts, weil Menschen plötzlich ihre Liebe zur Natur wiederentdecken oder endlich Zeit finden, irgendeinen lange auf dem Nachttisch bereit gelegten Klassiker der Literatur zu lesen. Wir stecken mitten in einer Pandemie, es sterben Hunderttausende und es gibt ernsthaft Menschen, die gerade darüber schreiben, wie schön doch der Wald ist. Das verstehe ich nicht und das ist noch die netteste Formulierung für meine Irritation. Wer sich im Angesicht der Katastrophe anschickt, seine Mitte zu finden, hatte den Kontakt zur Welt schon verloren, bevor er verboten war.

Janis: Dazu passt die Aufforderung sich selbst Schutzmasken zu nähen. Das meine ich gar nicht so despektierlich, wie es klingen mag, aber ich komme nicht umhin, das für ein Art Ersatzhandlung zu halten: Planbarkeit und souveräne Lebensentscheidungen sind gerade ausgesetzt. Millionen von Menschen allein in Deutschland können ihre Miete nicht mehr bezahlen, verlieren ihren Job und müssen mit der Angst vor einer Infektion mit einem Virus rechnen, den die angesehensten Virologen selbst erst kennen lernen müssen. In dieser Situation schreibt die Leopoldina in ihrer Empfehlung vom 13. April, also in der Empfehlung, in der es auch zentral um Lockerungen ging: „Alles, was Menschen selbst tun können, steigert ihr Kontrollgefühl.“ Setzen wir das zusammen, werden Menschen wenigstens auch deswegen dazu aufgefordert, Masken zu nähen, weil sie dadurch über das Abstandhalten hinaus tätig an der Eindämmung der Pandemie teilnehmen können.

Janna: Es gibt da eine spannende Kritik von Simone de Beauvoir an Heidegger, die an dieser Stelle vielleicht erhellend ist: Heidegger denkt die menschliche Grundverfassung von einer Potenzialität her, von einem kompetenten Handelnkönnen. Was uns zu Subjekten macht, ist demnach die Möglichkeit, uns praktisch in der Welt zu engagieren, Projekte zu verfolgen, uns zu investieren in zukunftsgerichtete Entwürfe. Beauvoir kritisiert diesen Subjektbegriff als maskulinisiert und allzu handlungsfähig gedacht. Sie nennt das Beispiel einer Hausfrau, die einfach warten muss, bis der Teig aufgeht. Daran anschließend könnte man argumentieren, dass unser Leben momentan nicht nur hauptsächlich in einem Raum stattfindet, der lange Zeit als die Sphäre des Weiblichen schlechthin galt – dem Zuhause. Auch unser Handlungs- und Seinsmodus ist feminisiert, weil wenig auf ein Außen oder eine Zukunft gerichtet, und allgemein de-potenziert.

Janis: Wenn jetzt ein Castorf schimpft, dass er sich von Merkel nicht vorschreiben lassen wolle, dass er sich die Hände zu waschen habe, erleben wir hier Beauvoirs Kritik in Aktion: Die auf souveräner Handlungsfähigkeit fußende Subjektkonstitution Heideggers ist ganz wesentlich männlich. Dazu passt die verordnete Untätigkeit genauso wenig wie die klaren Handlungsanweisungen. Beides kränkt vor allem Männer. Es passt nicht in ihr Selbstbild. Und dann wollen sie lieber glauben, ein anderer Mann – zum Beispiel Bill Gates – habe sich all das ausgedacht, um die Weltherrschaft zu übernehmen.

Janna: Soweit muss es gar nicht kommen. Auch der Gestus des alles schon immer gewusst Habens, die Sicherheit, mit der Philosophen wie Giorgio Agamben vorpreschten, gehört zu dieser Weigerung, Verunsicherung und Nichts-tun-Können anzuerkennen. Das kann auch in der Manier des Fragens geschehen, siehe die neueren Kommentare von Agamben zum Beispiel den vom 13. April („Una Domanda“ italienische: Eine Frage) oder auch Jakob Augstein, der Anfang Mai seinen Kritiker*innen vorwirft, nur seine Zweifel nicht gesehen zu haben: „Zweifel ist mein zweiter Vorname. Das ist ja genau, was ihr nicht checkt.“ Die Frage ist eher ein Stilmittel, um im Windschatten des Fragens seinen Ressentiments freien Lauf zu lassen.

Janis: Polemisch: Weil Frauen* in einer patriarchalen Gesellschaft eher daran gewöhnt sind, dass sich ihre Handlungsfähigkeit auf die eigenen vier Wände beschränkt, kommen sie mit den Beschränkungen besser klar. Männer erleben diese Beschränkung als Kränkung, weil die Räume des öffentlichen Lebens, in denen sie es gewöhnt waren, sich als schaffend und Projekte entwickelnd zu erfahren, geschlossen sind.

Janna: Zum Glück haben die Baumärkte wieder offen und die Bundesliga geht weiter. Im Ernst: Ich weiß nicht, ob Frauen* mit der jetzigen Situation tatsächlich „vernünftiger“ umgehen. Ein Vergleich von Johnson, Trump und Merkel legt dies nah. Aber die Vorstellung einer uneingeschränkten Handlungsfähigkeit, die in einem mythischen „Vor der Krise“ verortet ist, ist natürlich falsch. Auch davor klammerten wir uns an Praxen, die dazu geeignet waren, die relative Machtlosigkeit über wesentliche Lebensentscheidungen unfühlbar zu machen. Auch ohne Corona sind wir in eine Gesellschaft mit vielen Bedingungen und Entscheidungen geworfen, die wir nicht gewählt haben und entlang derer wir improvisieren müssen. Vielleicht bringt Corona ja auch gerade das zum Vorschein.

Janis: Ja, wir müssen uns in der Welt zurechtfinden, und dazu erst eine Haltung entwickeln und ganz wesentlich improvisieren. Das wird uns gerade deutlicher, als sonst. Und es zeigt sich in diesen Videokonferenzen, für die die Technik und Internetverbindung der meisten Teilnehmer*innen nicht ausreicht und in den hektisch eingerichteten remote Arbeitsplätzen der Trader: drei Bildschirme auf einer aufgebockten, unbehandelten Holzplatte und der Versuch über ein Ausschalten des Routers die Verbindung wieder herzustellen als neue Normalität. Für nicht wenige gehört auch dazu, sich über ihre berufliche Zukunft Sorgen machen zu müssen. Ganze Industriezweige wie das Hotel- und Gaststättengewerbe sind in Kurzarbeit geschickt worden. Das heißt konkret: Aus den in den letzten Jahren eingenommenen Versicherungsbeiträgen der Arbeitslosenversicherung werden bis zu 87% des Nettolohnes mindestens bis zum Ende diesen Jahres fortgezahlt. Für nicht wenige ist das zu wenig, sie können bspw. ihre Miete nicht mehr zahlen, und der berufliche Werdegang danach ist vollkommen ungewiss.

Janna: In Verbindung mit der zunehmenden Unduldsamkeit in Bezug auf die Beschränkungen bricht sich ein seltsamer Protestantismus bahn: Das Kurzarbeiter*innengeld wie auch die weiteren Milliardenhilfen könnten wir uns deshalb leisten, weil wir in den letzten Jahren so gut gewirtschaftet haben und hinaus dürften wir wieder, weil wir jetzt ja schon wochenlang sehr brav zu Hause geblieben sind.

Janis: Das ist eine Nation auf der Bewusstseinsebene eines Vorpubertären: Deutschland hat weniger durch Sparen, als vielmehr durch Umschuldung im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise seinen Haushalt sanieren können – zu Ungunsten Südeuropas; in den letzten Jahren über Gebühr mit Versicherungsbeiträgen belastete Arbeitnehmer*innen kriegen Teile ihrer Beiträge wieder; die Eindämmung der Pandemie ist kein Gefallen, den wir irgendwelchen Virologen tun, sondern eigentlich in unserem Interesse, aber lasst uns das ruhig zurückweisen, genauso wie wir unsere Mathehausaufgaben aus Trotz gegenüber der Lehrer*in nicht gemacht haben.

Soweit teile ich deine Protestantismus-These. Aber einer Verschiebung sollten wir dennoch Beachtung schenken: Aus dem Masturbationsverbot ist ein Masturbationsgebot geworden, jedenfalls für diejenigen, deren Bedürfnis nach körperlicher Nähe sich nicht in der monogamen Paarbeziehung erschöpfen.

Janna: Ich bin mir immer noch unschlüssig darüber, ob wir momentan ein Mehr oder ein Weniger an Körperlichkeit erleben. Auf der einen Seite sind wir mit dem Umstand konfrontiert, dass sozialer Kontakt nun die meiste Zeit auf eine seltsam entkörperte Weise stattfindet. Ausreichend rücksichtsvolle Menschen versuchen den Mindestabstand zu anderen einzuhalten. Orte von gemeinsamer körperlicher Resonanz und Nähe – wie Stadien, Clubs, Konzerte – stehen nicht mehr zur Verfügung. Selbst die Bezahlmethode im Supermarkt ist kontaktlos. Auf der anderen Seite drängt sich das bloße Faktum, dass wir körperliche – und das heißt auch verletzliche und sterbliche – Wesen sind, unweigerlich in die Aufmerksamkeit. Diese uns allen gemeine Verletzlichkeit ist aber extrem unterschiedliche verteilt. In der ungleichen Verteilung von Verletzlichkeit liegt die Absurdität von zu kurz greifenden Gleichheitsvorstellungen – das Virus trifft eben nicht alle gleich – und der politische Skandal der Gegenwart.

Janis: Die Wut, die gerade in den USA, aber auch in europäischen Städten vor allem von Schwarzen auf die Straße getragen wird, ist eine Wut genau darüber, dass ihnen in der Pandemie und der sich anschließenden Wirtschaftskrise vor Augen geführt, wie grundungerecht die Gesellschaften sind, in denen sie leben: Schwarze in den USA sterben fast doppelt so häufig an COVID-19, ihre Arbeitslosigkeit ist um ein Drittel höher als die von Weißen.

Janna: Es gibt zwei zusammengehörige Momente, die wir als politische und eben nicht naturgegeben artikulieren und problematisieren müssen: Menschen werden unlebbaren Zuständen ausgeliefert, in Lagern, Krisengebieten, usw. und Menschen wird eine grundlegende Versorgung vorenthalten, der Zugang zu sauberem Trinkwasser, medizinische Hilfe usw. Die ungleiche Verteilung der Gefahren und der Versorgung kulminieren im Fall der schwarzen Bevölkerung der USA, aber auch in Europa zu einer tödlichen Mischung.

Janis: Seit ein paar Jahren beobachte ich eine neue Aufmerksamkeit für den Körper als Austragungsort politischer Verhältnisse, zum Beispiel in „Wer hat meinen Vater umgebracht“ von Edouard Louis. Auch jetzt in der Pandemie liegt es nahe, sich den Körpern zuzuwenden. Wir tun es unweigerliche. Das beginnt bei neuen und oftmals paranoiden Weisen den eigenen Körper wahrzunehmen: Was ist das für ein Kratzen im Hals? Habe ich vielleicht Fieber? Welche neuen Symptome sind nun bekannt geworden und könnten sie auf mich zutreffen?

Janna: Zugleich müssen wir jedoch nicht nur für unseren eigenen Körper Sorge tragen, sondern auch für die Körper der anderen. Wir müssen uns selbst als potenziell infektiös begreifen. Dieser verdächtigende Bezug auf den eigenen Körper ist die basalste Form von intersubjektiver Sorgearbeit, der wir uns im Moment stellen können. Das ist auch eigentlich nicht neu, aber schön, dass der Kreis der Interessenten sich erweitert hat: In den FLINT*- Bewegungen, aber auch in der Schwulenbewegung wissen die Akteure sehr wohl um die Körperlichkeit ihrer Anliegen. Das wussten Arbeiter*innen auch mal. Gut, dass es in Erinnerung gerufen wird. Vielleicht hilft eine neue Aufmerksamkeit für den Körper auch, Sorge und Sorgearbeit anders sichtbar zu machen.

Wir wollten enger an unserer Erfahrung bleiben und da muss ich für mich sagen, dass ich eine Zunahme des Bedürfnisses nach Sorge in meinem Umfeld erlebe.

Janis: Diese Form der Sorge bleibt dennoch seltsam steril. Zwei Momente fallen mir unmittelbar ein, die ganz wesentlich anders sind. Zum einen kann ich meiner Gegenüber im Videocall nicht in die Augen schauen. Unsere Blicke verpassen sich notwendig. Entweder ich gucke in die Kamera und glaube daran, jetzt in die Augen der Gegenüber zu schauen oder ich schaue in die Augen von jemandem, der mich auf den Bildschirm blicken sieht. Nicht wenige blicken daher verunsichert am Bildschirm vorbei in das, was vor oder neben ihnen liegt, sich aber in jedem Fall dem Blick der Gegenüber entzieht. Zum anderen gibt es nicht wenige Situationen – vielleicht spreche ich hier als Mann – in denen es nicht darum geht, etwas zu sagen, sondern im physischen Sinne da zu sein, anwesend und schweigend. Kaum etwas jedoch ist seltsamer, als schweigend vor seinem Bildschirm zu sitzen und jemandem zu zuschauen, der das Gleiche tut.

Janna: Es ist wahrscheinlich nicht nur seltsam, in der von dir geschilderten Form ist es unmöglich. Allerdings mache ich die Beobachtung, dass sich zusammen mit dem Gebrauch von Technik neue Emotionalitäten entwickeln, die auch aus einer Verschiebung von Schamgrenzen entstehen. Ich glaube, bis vor ein paar Monaten schien es vielen Menschen undenkbar, vor Skype, im bläulichen Licht eines Bildschirms zu weinen, sich zu betrinken, zu masturbieren. Es entstehen da gerade andere Möglichkeiten, Intimität…ja was eigentlich? Zu imitieren? Zu leben? Das gemeinsame Schweigen im Videocall, das uns jetzt unangenehm und peinlich vorkommt, ist vielleicht bald schon normal. Demgegenüber stehen jedoch die bewusst professionellen und ebenfalls gnadenlos sterilen Selbstinszenierungen in arbeitsbezogenen Skype-Konferenzen. Wir sitzen vor Bücherregalen oder weißen Wänden und es braucht schon Katzen oder Kleinkinder, die vor der Kamera auftauchen, um die andere Person wieder zu vermenschlichen. Übrigens halte ich es nicht für überzogen, angesichts dieser gestellten und betont drögen Settings von einer Maskierung zu sprechen.

Janis: Ich denke immer noch an den Begriff der Ersatzhandlung. Ich finde ihn sehr treffend. Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, einen Mittelweg zu finden zwischen einem kritischen Gestus, der diese Formen von inszenierter Handlungsfähigkeit als solche benennt, und einem liberal-bürgerlichen und hyperhandlungsfähigen „Die Krise als Chance“-Gequatsche. Oder anders formuliert: Vielleicht lohnt es sich, die Möglichkeit einzuräumen, dass es durchaus so etwas wie kreative, lustvolle Bewältigungsweisen gibt, die abseits von Corona-Partys, Maskennähen und tristen Einzelbesäufnissen liegen. Beispielsweise tun sich Leute zusammen, um smuts zu schreiben. Menschen verabreden sich zum kollektiven Striptease vorm Selfiestick oder um sich gegenseitig Bondage-Fesselungen zu zeigen. All dies mag ebenfalls albern erscheinen angesichts des mehr als traurigen Zustands der Welt – allerdings nur, wenn man davon ausgeht, dass sich diese Praktiken ernst nehmen und nicht selbst schon bewusst Absurdität und Albernheit beherbergen. Etwas sträubt sich in mir, diese durchaus witzigen und nicht-normativen Umgangsweisen in einem einzigen kritischen Aufwasch als „bloße“ Ersatzhandlungen oder lebensweltliche Entlastungen abzutun.

Janna: Da sind wir wieder bei einer Unschlüssigkeit in der Bewertung. Allgemein frage ich mich folgendes: Wenn man sich nicht der Auch-dafür-haben-wir-eine-Theorie-Fraktion anschließen möchte, welche Möglichkeiten gibt es dann, eine irgendwie intellektuelle Beschäftigung mit dem Ist-Zustand vorzunehmen? Wie können wir es vermeiden in ein – irgendwie auch nicht angemessenes – Schweigen zu verfallen? Und umgekehrt gefragt: Was können wir angesichts der Unsicherheit und des allgemeinen Imperativs des Abwartens überhaupt sagen? Müssen wir in unsere Befassung mit Corona nicht so etwas wie Unsicherheit und Nicht-Wissen hineinweben?  Oder müssen wir eine solche Befassung vielleicht irgendwann abbrechen lassen und wäre das nicht ehrlicher? Auch darauf habe ich noch keine endgültigen Antworten zu bieten