HAUSHALTEN / When she snaps, she snaps

von Shirin Weigelt

Berlin, 2. Juni 2020

Wir haben sie bereits erwartet: die ökologische Krise. Sie würde nicht als ein großes Ereignis über uns hereinbrechen, sondern sich in unheilvollen Zeichen anschleichen und irgendwann in die unaufhaltsame Katastrophe umkippen. Die apokalyptische Endzeit war näher, als die Leugnungsversuche uns hatten glauben machen. In diese realistisch-pessimistische Erwartungshaltung wurde die Weltöffentlichkeit im vergangenen Jahr versetzt, inklusive Vorgabe des affektiven Tons, der anzuschlagen sei: Panik. Umweltaktivist_innen demonstrierten freitags für die Zukunft oder rebellierten gegen das Aussterben. Die Angst, die Handlungsdruck erzeugen soll, kriecht jedoch nur langsam heran. Artensterben, Pohlkappen- und Gletscherschmelze, Dürren, Wirbelstürme – allzu leicht lassen sie sich noch wegschieben als ein singuläres oder fernes Geschehen.

Eine Krise globalen Ausmaßes ist mit der Coronavirus-Pandemie nun doch schon sehr viel früher über uns hereingebrochen, als gehofft oder befürchtet. Gegen die existenzielle Bedrohung werden alle wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ressourcen in Stellung gebracht. Bis das Virus an Gefährlichkeit (Infektiosität und Letalität) verliert oder Gegenmittel (der Immunisierung oder Heilung) gefunden sein werden, wird in den Gesellschaften im infektiologischen Krisenmodus eine Schutzmaßnahme am häufigsten angewendet: Wirtsorganismen werden segregiert, ihre Bewegungsradien verkleinert und ihre direkten oder vermittelten Kontaktmomente reduziert. Die von Foucault beschriebene Regierungstechnik der Ein- und Ausschlüsse, welche in der Pestzeit entwickelt und zum Prinzip der Kontrollgesellschaften wurde, ist nun, angesichts einer neuen Seuche, wieder en vogue. Die Isolation der Körper wird affirmiert, erhält ihren eigenen Hashtag: #stayathome. Zu Hause zu bleiben ist in Zeiten von Corona Ausdruck von Solidarität. Zu Hause zu bleiben bedeutet Gefahrenabwehr, verspricht dem Selbst und den Anderen Sicherheit. Zu Hause. Wenig anderes scheint aktuell sonst noch sicher.

Der Schein der Sicherheit ist für kritische Geister ein rotes Tuch, eine Aufforderung zum Denken. Der vorliegende Text stellt sich im April 2020, in der Zeit der COVID-19 Pandemie nicht nur der Herausforderung, zu Hause zu denken – dass es sich hierbei um eine Herausforderung handelt ist an sich bereits eine Untersuchung wert! – sondern versucht auch, das Zuhause neu zu denken, sich dem Konzept des Zuhauses denkend anzunähern. Allerdings soll zugleich eine gewisse Distanz zum allzu naheliegenden Geschehen gewahrt werden. Nicht das Zuhause als Heim, als Ort oder Raum des Privaten und Eigenen steht im Zentrum der Analyse, sondern dessen Voraussetzung: der Haushalt. Dieser drängt sich aktuell als ein vielfältiger, multiperspektivisch zu betrachtender epistemischer Gegenstand auf. Während der Pandemie wird der Haushalt, auf dessen Faktizität der Lockdown viele Menschen zurückverweist, von einer Tatsache zu einem interessanten Ding.[1] Dieses Ding soll im Folgenden konzeptuell erschlossen werden, um dann drei Lehren des Nachdenkens über den Haushalt zu ziehen.
 

Die Unsicherheit einer Zukunft für die menschliche Spezies lässt so manches Mittel der Sinnstiftung adäquat erscheinen. Vielleicht auch Ursprungsmythen, wie diese: Prähistorische archäologische Forschungen legen nahe, dass sich der Ursprung des Haushalts auf das Sesshaftwerden von Menschen im Neolithikum zurückführen lässt. Zwischen dem 12. und 10. Jahrtausend v.Chr. begannen Gruppen von Jäger_innen und Sammler_innen in der Region des Fruchtbaren Halbmonds ihre bisherige Lebensform zugunsten einer ortsgebundenen aufzugeben. Reichhaltige Nahrungsquellen und ein mildes, stabiles Klima führten zu einer Verkleinerung ihrer Bewegungsradien. Anstatt umherzuwandern und sich nur so lange an einem Platz aufzuhalten, wie die dort vorgefundene Umwelt das Überleben der Gemeinschaft sichern konnte, besiedelten Menschengruppen bestimmte Orte dauerhaft. Das angeeignete Territorium wurde zum Lebensraum.[2] Die Adaption des Umwelt-Mensch-Gefüges war dabei eine gegenseitige, sie erfolgte in vielfältig miteinander verflochtenen Prozessen. Menschen begannen mit der Kultivierung ihrer Umwelt, das heißt mit der Schaffung und Aufrechterhaltung von Bedingungen, die das eigene (Über-)Leben begünstigten. Anstatt punktuell zu räubern, domestizierten neolithische Menschen die Wildnis und gestalteten sie zu Wohnraum, Ackerboden und Vieh um. Im Zuge dieser spezifischen Milieubildung veränderte sich auch der menschliche Körper und Geist. Individuen wurden größer, ihre Motorik und Mimik verfeinerten sich, das Imaginations- und Sprachvermögen entwickelten sich weiter. Es fand eine Spezialisierung einzelner Fähigkeiten statt, die zu Kulturtechniken, wie zum Beispiel Fischerei, Pflanzen- oder Tierzucht, ausgebaut wurden. Praktisches sowie theoretisches Wissen konnte akkumuliert und tradiert werden.[3] Die Kultivierung des Ökosystems ging symmetrisch mit der Kultivierung des Menschen als Gesellschaftswesen einher, dessen Praktiken sich ausdifferenzierten und zu komplexen sozialen Ordnungen mit Moral- und Wertvorstellungen sedimentierten. Grundlegend für all das war die spezifische sozio-ökonomische Formation des Haushalts. Um ein eine feste Unterkunft dauerhaft an einem Ort zu halten braucht es eine gewisse Stabilität aller lebenserhaltenden Bedingungen und Mittel. Die in der umgebenden Welt vorgefundenen Quellen mussten hierfür wiederholt und dauerhaft verfügbar gemacht werden. So verstärkte sich mit dem Sesshaftwerden ein instrumentelles Verhältnis der Menschen zur Natur. Ressourcen wurden strategisch produziert, angesammelt und verausgabt.

Mit einem zeitlichen und disziplinären Sprung, jedoch in inhaltlicher Kontinuität schließt sich Hannah Arendts Feststellung an, dass der Haushalt die Grundlage der Sozialität und die Voraussetzung für Politik sei. Diese These leitet sie aus einer Genealogie abendländischer demokratischer Gesellschaften vom antiken Ideal der Stadtstaaten (altgr. polis) und der komplementären sozialen Sphäre der Haushalte her.[4] Der oikos – Altgriechisch für Gehöft – umfasste eine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft. Materiell bestand er aus einem Gutshof mit schützenden Zäunen, Mauern und Bedachungen, Ländereien und anderem Besitz sowie Vorräten. Sowohl materielle Ressourcen wie Getreide als auch immaterielle Ressourcen wie die Fähigkeiten der Haushaltsmitglieder konnten durch ein strategisches, auf die Zukunft ausgerichtetes wirtschaftliches Handeln angehäuft werden. Die Logiken des Wirtschaftens nennen sich auch heute noch Ökonomie: Gesetzmäßigkeiten des Haushalts. Die Subjekte eines antiken oikos waren die nach sozialen Rollen unterteilten Menschen, wie Sklav_innen, Frauen, Kinder und Männer.[5] Ihre Gemeinschaft konstituierte den Haushalt durch soziales und wirtschaftliches Handeln und sicherte so andersherum ihre eigene Lebensgrundlage bzw. Subsistenz. Als sozialer Raum, der durch Interaktion ent- und besteht, ist der Haushalt von Machtverhältnissen geprägt, die auch solche der Gewalt sein können. Sie soziale Ordnung des oikos im antiken Griechenland war beispielsweise patriarchal-hierarchisch organisiert. Über die gebündelte (Arbeits-)Kraft und Wirtschaftsleistung des Haushalts konnte der Patriarch verfügen, sodass seine eigene Kraft und Zeit frei wurden. Durch die Arbeit der anderen gewann er Autonomie, über den Haushalt konnte er souverän verfügen. Diese partielle Loslösung bzw. Emanzipation von der Notwendigkeit zur Subsistenzarbeit machte die Vorstände eines oikos frei für andere Tätigkeiten wie Denken und Diskutieren, sowie schließlich Urteilen und Herrschen. Solche ihrer Voraussetzung und ihrem Ziel nach freien Tätigkeiten nennt Arendt Handeln im emphatischen Sinn. Dem von Aristoteles in der Politeia beschriebenen Ideal der antiken polis nach bedurfte es der Freiheit durch und für Besitz, den ein oikos garantierte, um Bürger (altgr. polites – zur polis Gehörender) zu sein und an einer zum Haushalt komplementären Form der sozialen Praxis teilnehmen zu können: der Politik. Die sozio-ökonomischen Milieus der Haushalte ermöglichen den Zusammenschluss menschlicher Gemeinschaften zu größeren politischen Einheiten, wie Städten oder Staaten.

Einige tausend Jahre später sind Gesellschaften weltweit zu komplexen Gebilden herangewachsen und funktional weiter ausdifferenziert. Wirtschaft und Sozialwesen sind nicht mehr um den privaten Haushalt herum zentriert, sondern zu eigenständigen Funktionssystemen geworden. Die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rollen überkreuzen sich zwar immer noch auf der basalen Ebene der haushaltenden Individuen, letztere sind jedoch eingebettet in transindividuelle Strukturen. Deren Um- oder Lebenswelten werden auch von nicht-menschlichen Akteuren bevölkert, wie Staaten, Unternehmen oder Bildungseinrichtungen. Die Wirtschaftssysteme der meisten Gesellschaften sind längst nicht mehr auf Subsistenzsicherung ausgerichtet. Selbst solche Gemeinschaften, die ihren Fortbestand anderweitig organisiert hatten, als durch Sesshaftigkeit und Güterakkumulation, wurden im Lauf der Jahrtausende von der vorherrschenden Wirtschaftsform vereinnahmt. In dieser wird Arbeit heute gegen Lohn verrichtet, Besitz angehäuft. Die globale Ökonomie ist eine kapitalistische. Auf Ausbeutung ausgerichtet, beruht sie auf sozio-ökonomischen Relationen der Konkurrenz und Ungleichheit. Der Haushalt als ein angeeigneter Raum, der einer autark wirtschaftenden Gruppe von Menschen das Überleben erleichtert, entspricht heute nicht mehr der globalen Realität des Spätkapitalismus. Jenseits aller Romantisierung lassen sich aus dem vorangegangenen Nachdenken über Ursprung und Wesen des Haushalts drei Lehren ziehen.

 

 

Natur-Mensch-Beziehungen sind kompliziert. Die ökonomische Lebensform hat Menschen aus der Immanenz der Natur herausgelöst, sie ist jedoch nur eine Organisationsvariante der Umwelt-Mensch-Relationen. Das bzw. die Gefüge zwischen humanen Lebensformen und andere Organismen sind vielgestaltig. Sie produzieren Effekte, die dem menschlichen Zugriff entzogen sind. Diese Unverfügbarkeit zeigt sich beispielsweise in Form des Coronavirus – an dessen Entstehung und Verbreitung aktuelle menschliche Lebensformen nicht unbeteiligt waren – und der Pandemie. Die Naturgewalt, die als Kraft aus der Summe mannigfaltiger natürlicher Prozesse hervorgeht, hat seit den 1970er Jahren und kürzlich wieder mit neuer Emphase den Namen Gaia bekommen.[6] Ihre Existenz spielt in zeitlichen und räumlichen Registern, die der menschliche Verstand nur erahnen kann (demütig bis furchtvoll). Sie ist keine unschuldige, fruchtbare, liebevolle Mutter – als hätte es eine solche je gegeben?! Sie lässt sich nicht verpflichten, nicht rationalisieren. When she snaps, she snaps. Wichtiger noch, als die Anerkennung der Unverfügbarkeit, die die instrumentelle Vernunft des Menschen devot zurücktreten lassen sollte, ist die Anerkennung der Bezogenheit. Natur ist Kultur nicht entgegengesetzt, Ökologie und Ökonomie sind interdependent.[7] Prozesse der Kultivierung finden innerhalb einer komplexen Bio-, Geo- und Atmosphäre statt, in der auch andere Wesen leben, haushalten und sterben. Die Beziehungen zu diesen Anderen, mit denen wir die Umwelt teilen, als soziale oder sogar ethische Beziehungen zu verstehen, wurde von verschiedenen Seiten stark gemacht, prominent etwa von Donna Haraway. Die ethische Aufladung der biosozialen Verwobenheit zielt jedoch nicht darauf ab, ein wohlfühliges Harmonieverlangen zu befriedigen.

Ökonomie ist eine Frage von Leben und Tod. Natur ist indifferent gegenüber Lebens- und Sterbensprozessen. Innerhalb der Biosphäre dauern Lebensprozesse an, bis die Schwelle der individuell erträglichen Gefährdung überschritten wird. Durch ökonomisches Handeln verschieben Menschen diese Schwellen für sich selbst, aber auch für andere und Anderes. Die Sphäre des Haushalts ist eine, die Schutz und Gefährdung normativ ordnet, die Antworten zu finden versucht auf die prinzipielle Verletzlichkeit allen Lebens und die darin Wertungen vornimmt. Dieses Antworten-Müssen ist vielleicht eine erste Autonomie von Lebewesen, die Leben und Sterben bewerten, sodass Geburt und Tod eine existenzielle Bedeutung erlangen, Geschichte möglich wird. Gaia kennt kein Zögern, sie hat keine Zeit, kein Gedächtnis, kein Gewissen.[8] In der Biosphäre hingegen existieren verschiedene Organismen in sich überkreuzenden Milieus, die sie bewohnen und gestalten, die nach Dauerhaftigkeit und Verstetigung streben. Antworten auf Gefährdungslagen, die im und durch Haushalte gefunden werden, sind solche der Sorge, aber auch der Gewalt. Durch die Corona-Pandemie gewinnt der Haushalt als ein Ort der Sicherheit vor umweltlichen Gefahren an Bedeutung. Wehe denen, die keine ökonomischen Ressourcen besitzen oder sogar vor den Toren der oikes, in Lagern in Libyen, der Türkei oder Griechenland festgehalten werden! Zugleich zeigt sich der Haushalt aktuell aber auch wieder als Ort der Gewalt und des Zwangs zur Unterordnung unter die dort (vor-)herrschenden sozialen Beziehungen. Häusliche Gewalt nimmt zu. Klassische, hierarchische Rollenverteilungen erstarken: Frauen* erledigen die Reproduktionsarbeit, Männer beurteilen die Welt.[9]

It’s just a phase, baby![10] So wie sich die ökologischen Bedingungen wandeln, können sich auch Ökonomien verändern. Die haushaltende Lebensform der Menschen begann aufgrund bestimmter, günstiger ökologischer Bedingungen. Ihre Ausbildung war zunächst ein Anpassungsprozess innerhalb des Mensch-Umwelt-Gefüges. Mit der Zeit wurden die Aktivitäten des Haushaltens jedoch zu einer eigenen, starren Funktionsstruktur, sodass sie auch gegen ökologische Veränderungen aufrechterhalten wurde. Um den kultivierten Raum weiter bewohnen zu können, mussten der Umwelt mehr Güter abgerungen und mehr Arbeit investiert werden. Produktion wurde gegenüber der Extraktion aufgewertet. Fortschritt und Wachstum der Haushalte waren die Folge. Und genau dieser Erfolg, der bis heute andauert und zuletzt im Kapitalismus mündete, gibt der ökonomischen Ordnung recht. Oder eben nicht. Die unumkehrbaren Folgen der menschlichen Eingriffe in die ökologischen Prozesse des Planeten wurden im Zusammenhang mit der Benennung der Epoche des Anthropozäns diskutiert. Dieses begann mit der sesshaften, haushaltenden menschlichen Lebensform und wurde vollends durch eine ausbeuterische ökonomische Ordnung instanziiert. Das Anthropozän könnte demnach auch Kapitalozän genannt werden, wie unter anderem Isabelle Stengers vorgeschlagen hat. Dies hätte den Vorteil, die ungleich verteilte Verantwortung im Namen zu markieren: nicht alle Menschen und Gesellschaften haben zu den anthropogenen Klimaveränderungen und ihren katastrophalen Folgen beigetragen, sondern eine bestimmte Lebensform, die eng mit der europäischen Kolonialgeschichte verknüpft ist. Mag die Wirtschafts- und Sozialordnung des Kapitalismus für mache immer noch attraktiv erscheinen, letztendlich ist sie eine, die sich selbst verzehrt – und bis dahin das Leben und Sterben von sehr vielen Organismen in unterschiedlichen Milieus durch Gewalt und Grausamkeit (manche sagen: Barbarei) prägen wird. Angesichts dessen ist die Einsicht umso wichtiger, dass unsere jetzige Form der Haushaltsführung nicht unumstößlich ist. Wie das Klima und andere ökologische Bedingungen kann sich auch die Ökonomie verändern. Über die Gesamtheit der Ökologie und ihre Einzelprozesse haben wir dabei weniger Kontrolle als über unsere wirtschaftlichen und sozialen Praktiken, die ihrem Wesen nach Adaptionsprozesse an bzw. innerhalb komplexer biosozialer Gefüge und Milieus sind. Unser Handlungsspielraum könnte dabei sehr viel klüger genutzt werden, als es derzeit der Fall ist. Wie anpassungsfähig Menschen immer noch sind, dass sie wirtschaftliche und soziale Praktiken verändern können, zeigen die massiven und kurzfristig auch in individuellem Handeln umgesetzten Infektionsschutzmaßnahmen. Handlungsmacht sowie Verantwortung wachsen dabei mit dem Maßstab des Milieus, auf das Akteur_innen Einfluss haben.

In der Krise angestellte Zeitdiagnosen sollten sich trotz des ereignishaften Rauschs und des gefühlten Hereinbrechens der Historie (oder von Gaia) in das Leben ihrer Vorläufigkeit und Übereiltheit sowie möglicherweise baldigen Überholung bewusst bleiben. Und so gibt es zum Schluss keine Therapieempfehlung. Stattdessen soll der Finger noch einmal in die Wunde gelegt werden: Das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie ist aktuelle untragbar geworden. Für die notwendige Neujustierung dieses Verhältnisses lohnt sich die Kontemplation über die konzeptuellen Voraussetzungen der Relata, sprich: den Haushalt beziehungsweise das Haushalten. Die Art und Weise des Haushaltens, das heißt: die Ökonomie, enthält Verhältnisse zur eigenen Bedingtheit und zu den Lebensbedingungen anderer Organismen. Mit den vielen Anderen, die nicht direkt zu unserem eigenen Haushalt, doch aber zu unserer Ökosphäre gehören, ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören und zu antworten, wäre ein erster Schritt der Beziehungspflege.

Anmerkungen

[1] Tatsachen geben ihrer Betrachtung als „matters of concern“ ihren Dingcharakter preis. Vgl.: Bruno Latour: Das Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang. Zürich und Berlin: diaphanes 2007.

[2] Zum Unterschied zwischen Platz und Raum siehe Jörg Dünne und Stephan Günzel (Hg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2018, S. 10ff. Gilles Deleuze und Félix Guattari setzen sich weitergehend mit organischen und technischen Prozessen der Milieubildung und Territorialisierung auseinander. Siehe Tausend Plateaus, Berlin: Merve 2005, insbesondere S. 423-479.

[3] Vgl. zum Hintergrund Andé Leroi-Gourhan: Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988.

[4] Siehe dazu Hannah Arendt: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, München: Piper 1993. Die historische Realität der poleis gilt als umstritten.

[5] Der Text wiederholt an dieser Stelle eine tradierte (humanistische) Lüge in dekonstruktiver Absicht: Sklav_innen wurden selten als Menschen angesehen, sondern als zu besitzende Güter. Einen Zusammenhang von Sklaverei und modernem Staats- und Wirtschaftsverständnis zeichnet Katja Diefenbach nach: „Besitzindividualismus und transatlantischer Sklavenhandel im Spiegel frühmoderner Philosophie“, in: Christ, Dressler, Preciado und Roma (Hg.): Die Bestie und der Souverän, Leipzig: Spector 2018, S. 154–165. Siehe zum Anspruch einer kritischen Universalgeschichte außerdem Susan Buck-Morss: Hegel und Haiti. Berlin: Suhrkamp 2011.

[6] Siehe z.B. Isabelle Stengers: In Catastrophic times. Resisting the coming barbarism, Meson Press 2015, S. 43-50. http://dx.medra.org/10.14619/016

[7] Katharina Hoppe erklärt diese Perspektive auf Natur, die sie unter anderem aus feministischer Wissenschaftskritik, Ökofeminismus und postkolonialer Theorie herleitet. Siehe ihren Beitrag zum Glossar der Corona-Krise des Frankfurter Arbeitskreises: 

[8] Und so sind Vergleiche der katastrophalen Folgen des Klimawandels mit einer apokalyptischen Endzeit allzu menschlich. Sie beruhen auf religiösen Vorstellungen, in denen die Transzendenz für den Menschen existiert.

[9] Vgl. Carolin Wiedemanns Artikel im Tagesspiegel vom 29.04.2020: „Kinder, Küche, Corona. Die Krise ist die Bühne des Patriarchats“.

[10] Titel einer Performance von Copy & Waste, die am 15.11.2019 am Theaterdiscounter in Berlin uraufgeführt wurde und sich mit Krisenstimmung und Klimawandel auseinandersetzt.