Angst und Imagination

Covid-19 und seine Metaphern 3/ Balkanserie

von Tanja Šljivar, Ana Vilenica, Olga Dimitrijević and Tamara Antonijević

 

Belgrad, Rijeka, Zlatibor und Pančevo, 23. März 2020

Heute brachte der Wind „Bura“ Schnee. Ich schaue aus dem Fenster, schreibe das hier, trinke Kaffee und bereite mich auf meine tägliche Routine unter den Bedingungen der Isolation und der Ausgangssperre vor – 15 Minuten Workout nach 15 Stunden Fasten. Ich werde mein Workout machen, ich werde essen und wie verrückt die Nachrichten lesen, so lange, bis es Zeit wird, Mittagessen zuzubereiten. Die Routine der Isolation nimmt sich mitunter wie Arbeit an sich selbst aus; wer sich eine Isolationsroutine leisten kann, kann sich in diesen finsteren Zeiten glücklich schätzen.

Vor zwei Tagen erreichte uns nach dem Aufwachen die Nachricht, dass es in Zagreb ein Erdbeben gegeben hatte. Nachdem obsessiv Nachrichten geschaut worden waren, nachdem der Rauch sich verzogen und der Schutt weggeräumt worden war, blieben die sozialistischen Hochhäuser stehen – die Triumphe des Modernismus, die hohen Riesen und Riesinnen in den Parks. Um sie herum ist es grün. Stille und Vögel, und die Hochhäuser stehen da und legen davon Zeugnis ab, dass es auch anders hätte gehen können; vielleicht wäre alles anders gewesen, hätte man an den öffentlichen Sektor geglaubt, hätte der Kommunismus nicht eine historische Niederlage erlitten, wäre unser Land Jugoslawien nicht blutig zerfallen und hätten wir uns nicht mit der Architektur des Übergangs, mit einem neuen Stadtbild in den Hauptstädten und mit einem folkloristischen Rechtspopulismus als kollektive Weltanschauung abgefunden.

Das hier ist natürlich mein Stream of consciousness, von den sozialistischen Hochhäusern bis zu der unerträglichen Gegenwart voller Angst, Besorgnis über die Krankheit und freiwilliger Aufgabe sämtlicher Privilegien, die wir noch bis vor kurzem in Ruhe genießen konnten. In diesem Stream of Consciousness sind die Hochhäuser ein Metonym für Sicherheit, hohe Standards und Sozialstaat, sie sind stille Zeugen für etwas, das war, im Gegensatz zu einer Gegenwart voller unsichtbarer und unvorhersehbarer Katastrophen.

Hochhäuser und alte Menschen – sie können noch Zeugnis ablegen von dem, was von der Propaganda der Moderne, vom Sozialstaat und von der Idee der Gerechtigkeit in einer Gesellschaft übrig ist. Die Hochhäuser gelten schon lange als Schlafstädte, Ghettos, eine fehlgeleitete architektonische Idee. Die alten Menschen sperren wir nun in ebendiese Hochhäuser oder in andere Wohneinheiten ein, unter der Annahme, dies sei nur zu ihrem Besten. Der Staat hat die alten Menschen kollektiv, in einem Aufwasch, allesamt in Hausarrest befördert, als finaler Akt in einem Krieg gegen die Alten, der schon seit geraumer Zeit geführt wird. Ein Krieg, in dem ihnen das Recht auf ihre Erinnerungen aberkannt wird, in dem ihre Erfahrung degradiert wird, in dem sie als nicht ausreichend produktiv für die ausbeuterischen Anforderungen unseres Alltags erachtet werden. 

Und wie leicht es war, das alles durchzuführen! Wie leicht es war, in zwei Schachzügen, ein repressives System zu aktivieren, die Bewegungsfreiheit einzuschränken, Denunziantentum und Spionage zu fördern und all das, was damit einhergeht. Das, was die Anarchisten schon seit langem unermüdlich wiederholen – dass nämlich der Polizeistaat überall ist, - stellte sich als richtig heraus. Es ist wohl nicht das Gleiche, ob es den Flüchtlingen passiert, an den Grenzen, auf der offenen See, in Wäldern und in irgendwelchen Löchern, oder ob es uns passiert, in Hauptstädten, in Wohnungen mit Zentralheizung, mit gültiger Krankenversicherung etc. Die Angst ist in diesem Fall offenbar der beste Koalitionspartner des Staatsapparats, seiner repressiven Elemente.

Die Angst verengt den Horizont des Denkens sowie die Phantasie und legt den Fokus auf eine einzige Spur, nämlich den Wunsch zu überleben. Und wir alle wollen überleben. Wenn wir schon wissen, dass wir marode Gesundheitssysteme haben, eine Regierung, für die der Profit stets oberste Priorität genießen wird, einen zerfallenen Sozialstaat, und dass uns, wie meine Mutter einmal schön gesagt hat, bloß ein bis zwei Monatsgehälter vom Abfallcontainer trennen – dann gilt die Devise: Ein bisschen ist besser als nichts. Die Angst wird uns disziplinieren und dem repressiven Apparat die Argumentation liefern um zu behaupten, er habe rechtens gehandelt, die Katastrophe sei abgewendet worden, die Bevölkerung sei am Ende gerettet worden. Oder wie es bei uns heißt – eine bittere Wunde verlangt nach einem bitteren Heilkraut.

Der repressive Staatsapparat avanciert auf diese Weise zum Retter verantwortungsloser Individuen, nachdem er uns zuvor davon überzeugt hatte, dass die Verantwortung ausschließlich individuell ist. Das war auch nicht so schwer, nach Jahrzehnten einer liberalen Propaganda, der zufolge jeder seines Glückes Schmied ist und selbst verantwortlich für seine Erfolge oder Misserfolge, der amerikanische Traum möglich ist und wir, wenn wir nur fleißig und arbeitsam genug sind zweifelsohne alles schaffen können. Dieses Narrativ ist blind für Klassenunterschiede, für strukturellen Rassismus, für sexuelle Gewalt und ihre Folgen. Es ist das gleiche Narrativ, das uns beispielsweise weismachen will, dass wir, wenn wir bloß aufhören würden, Fleisch zu essen oder anfangen, unseren Abfall zu recyclen, den Klimawandel aufhalten könnten: Also ein Narrativ, das diejenigen, die tatsächlich über Macht und Geld verfügen, von Verantwortung freispricht, ein Narrativ, das schlicht und ergreifend lügt.

Wenn eines Tages die Epidemie unter Kontrolle gebracht wird, werden die herrschenden Eliten den besten Beweis zur Hand haben, dass sie im Recht waren. Die meisten von uns werden auch dieses Virus überleben, wir werden die Toten betrauern, wir werden die genaue Statistik kennen. Hinter der großen Erzählung vom Kampf gegen das Virus und die dazugehörigen Statistiken werden unsichtbare Ziffern versteckt bleiben, nämlich die Anzahl der Toten, die in diesen und in den folgenden Monaten an Hunger, Rezession, einem überlasteten Gesundheitssystem, häuslicher Gewalt etc. gestorben sind.

Die westeuropäische Stadt – ein einzigartiger Organismus, beruhend auf einer endlos großen Verflechtung von Menschen, Maschinen und Gebäuden, diese Einheit der Modernität und der Weiterentwicklung, Symbol des Fortschritts und Symbol für alles Mögliche, ruft nun mehr denn je in unserem Leben zuvor (abgesehen von der Belagerung im Krieg) Schwermut hervor, teilt uns auf in Mikroeinheiten, die in ihren Wohnungen eingeschlossen sind, abhängig vom Internet und von der durch das Internet genährten Illusion, wir könnten irgendwas tun oder diese Situation gedanklich erfassen.

Unsere Städte und Gesellschaften sind nun, im Zeitalter des Virus, so stark eingetaucht in Partikularität und Entfremdung, dass in Internet-Memes sogar die Menschen aus Hoppers Bild „Nachtschwärmer“ entfernt wurden, sodass der Hauptprotagonist nunmehr ein leere Café ist, als Symbol für den Verfall des Kleinunternehmertums.

Jeder Fahrgast ist ein potenzieller Gefährder. Jeder Spaziergänger stellt eine Gefahr dar. Jede Nutzung des öffentlichen Raums, jedes Verlassen des eigenen Hauses, jedes Eintauchen ins kalte Meer im Winter (hier, wo ich das schreibe) fühlt sich an wie ein Regelverstoß und zugleich wie eine Gefahr für die Gesundheit. Das ist, Hand aufs Herz, eine ungünstige Verbindung. Unsere Wohnhäuser, unsere privilegierten Gefängnisse sind für diejenigen, die so etwas überhaupt haben, nunmehr die einzigen sicheren Orte, jene Orte, wo wir gehorsam sind und wo wir den Traum der Mittelklasse träumen können: Wir lernen Fremdsprachen, hören Podcasts, schauen Serien, scrollen die Nachrichten, und am Ende versenken wir uns in der Dystopie des Essens, lesen Foodblogs, kochen obsessiv. Für mich gibt es kein Nachdenken über die Zukunft ohne Kollektivität.

Heute ist es der Moment, in dem meine politische Imagination gegen die Wohnungstür klopft, die zu öffnen ich nicht wage. Für jeden anständigen Machthaber kann eine Welt, bestehend aus Menschen, die unter Kontrolle und unter Verschluss sind, nur die Erfüllung eines langgehegten Traums sein. Das Problem ist, aus dieser Perspektive kann sich auch meine Phantasie keine bessere Welt vorstellen, jedenfalls keine mit Menschen darin.


                                                                 Ins Deutsche übersetzt von Mascha Dabić