Alle haben es mehr oder weniger

Covid-19 und seine Metaphern 2/ Balkanserie

von Tanja Šljivar, Ana Vilenica, Olga Dimitrijević and Tamara Antonijević

 

Belgrad, Rijeka, Zlatibor und Pančevo, 23. März 2020

Ich und meine Angst, wir gehen gemeinsam im Jahr 2020, unter der Maske, die meine Freundin, die Slowakin, mir genäht hat, noch bevor sie mich, meine Wohnung und Belgrad verlassen hat, um 23 Stunden mit dem Auto zu fahren, um anschließend an der Grenze des Landes, in dem sie Steuern bezahlt, eine fixe Arbeit hat, Miete bezahlt und krankenversichert ist, zurückgewiesen zu werden, nur weil sie in diesem Land nicht geboren ist und in den Institutionen des betreffenden Landes keine ständige Aufenthaltserlaubnis beantragt hat. Ich und meine Angst, wir gehen gemeinsam unter der Maske mit dem Aufdruck eines rosafarbenen Leopardenmusters, der mein früherer Schal ist, den ich vor zehn Jahre zu Konzerten getragen habe und der stets Gegenstand von Interesse-Staunen-Lachen gewesen war und der jetzt eine Maske ist und in gleicher Gestalt und mit dem gleichen Design am Gesicht von drei weiteren Freundinnen von mir zu finden ist.

Ich stelle mir vor, wie ich und meine Angst unter der Maske zu einem Aufnahmezentrum gehen, mit Konserven und Medikamenten, einem Aufnahmezentrum, das sich ganz in der Nähe meines Stadtteils befindet und von dessen Existenz ich nicht einmal etwas geahnt hatte, bevor der Staat, seine Apparate und jene, die über beide Instanzen und nunmehr auch über unsere Leben herrschen, von einem Tag zum nächsten eine immer längere Polizeistunde verhängt hatten. Ich gehe schnell, und ich gehe natürlich los, bevor die Polizeistunde beginnt. Das kann ich mir nur noch vorstellen oder es selbstorganisiert tun, denn seit der Ausnahmezustand verhängt wurde, ist es in den Aufnahmezentren verboten, Spenden anzunehmen.

Ich und meine Angst, wir gehen gemeinsam im Jahr 1993, und die Gasmaske ist im Himmel, meine schöne und große visuelle Halluzination. Mama und Papa gehen neben mir, sie gehen schnell und sie gehen, natürlich, bevor die Polizeistunde begonnen hat, und Papa ist derjenige, der eine Gasmaske von der Kriegsfront mitgebracht hat, und diese ist dann, riesengroß wie sie war, vom Balkon, wo er sie liegen gelassen hatte, hinaufgesprungen in den Himmel, neben den großen Mond, und anschließend begann sie, mich über die Berge zu verfolgen, über die wir drüber klettern, um zu Opas Wohnung zu gelangen, und zwar selbstverständlich vor Beginn der Polizeistunde.

Wenn das nicht genügt und wenn es viele Menschen auf den Straßen gibt, wird die Polizeistunde von 13:00 bis 5:00 ausgeweitet.

Im Herzen von disziplinären Regimen funktioniert das System kleiner Bestrafungen.

Offensichtlich sind wir nicht fähig, ausreichend diszipliniert zu sein.

Unter dem Wort Strafe verstehen wir alles, was man tun kann, damit die Kinder ihr Vergehen spüren, alles, das in der Lage ist, die Kinder zu erniedrigen oder zu verwirren: Kälte, Indifferenz, Befragung, Erniedrigung.

Strafe Gottes oder Strafe für den Kapitalismus? Eine Strafe, die wir einander aufzwingen?

Für jede Missachtung der Regierungsmaßnahmen, die zu jemandes Tod führt, ist mit einer fünfjährigen Gefängnisstrafe sowie mit einer Geldstrafe zwischen 5000 und 25000 Euro zu rechnen.

Jede infizierte Person, oder eine Person, die mit einer auf Covid19 positiv getesteten Person in Kontakt war, und die sich weigert, sich in häusliche Selbstisolation zu begeben, wird mit 2500 Euro bestraft.

So in Bulgarien.

Und in Serbien so:

Bei uns gibt es schon einen Haufen Strafen wegen Verstößen gegen die Polizeistunde.

Ein Verstoß gegen die Polizeistunde wird als Verstoß gegen Gesundheitsanordnungen während der Epidemie geahndet, nämlich nach Strafrecht mit einer Geldstrafe (von 800 bis 8000 Euro), oder einer Gefängnisstrafe von drei Jahren.

Während der vorliegende Text redigiert wurde, stieg die Strafe auf bis zu zwölf Jahre an. Da es meistens die Ungeschütztesten sind, die außerhalb der Zeit, in der es erlaubt ist, sich fortzubewegen, auf der Straße sind (wie etwa Pensionisten, die von 4:00 bis 7:00 morgens einkaufen gehen dürfen, also während der Polizeistunde), kommt es zu einem exponentiellen Anstieg von Absurditäten und Widersprüchen im System, jedoch unsystematischen Überwachung und Bestrafung in den Nachrichten, ebenso in unserem Leben, während zugleich auf die gleiche Art und Weise die Anzahl der Infizierten ansteigt.

In Montenegro hat die Regierung eine Liste aller Personen veröffentlicht, die sich in der Selbstisolation aufhalten müssen, mit den dazugehörigen Wohnadressen. Ich stelle mir vor, wie sämtliche Herrscher mit Interesse Skizzen für Panoptikum-Quarantänen studieren.

Das System hat jahrelang eine biologische, ökonomische und politische Krise produziert, die es im Moment nicht zu lösen vermag, in erster Linie auf Grund eines dysfunktionalen Gesundheitssystems, in das, wiederum systematisch, Jahr um Jahr immer weniger investiert wurde.

Susan Sontag hat in ihrem Buch Aids und seine Metaphern aus dem Jahr 1989 überzeugend dargelegt, wie man von der Romantisierung, die mit den Krankheiten Syphilis und Tuberkulose einherging (von wegen, nur sensible Seelen und geniale Köpfe konnten sich infizieren), im Zusammenhang mit Krebs und insbesondere mit AIDS allmählich dazu überging, diese Krankheiten in die Domäne der Stigmatisierung zu verlegen, und zwar sowohl die Krankheiten selbst, als auch die daran Erkrankten. Ab diesem Zeitpunkt fand auch die Kriegsrhetorik Eingang in den öffentlichen Diskurs:

Eine riesige Metapher entsteht, wenn die Krankheit regelmäßig beschrieben wird als ein Phänomen, das die Gesellschaft angreift, während die Versuche, die damit einhergehende Sterblichkeit zu reduzieren, als Schlacht, Kampf und Krieg bezeichnet werden.

Angela Merkel hat in ihrer Ansprache anlässlich der Schließung von Außengrenzen der EU sowie der nationalen Grenzen innerhalb der Union davon gesprochen, dass Deutschland seit dem Fall der Berliner Mauer, ja sogar seit dem Zweiten Weltkrieg keine solche Herausforderung zu meistern gehabt hätte, während Aleksandar Vučić sich rituell auf sämtliche „serbische“ Schlachten aus dem zwanzigsten Jahrhundert berufen hatte. Sontag erklärt dies folgendermaßen:

Dort, wo einst die Figur eines Arztes stand, der einen bellum contra morbum, einen Krieg gegen die Krankheit führt, steht heute die ganze Gesellschaft.

Heute, am Höhepunkt der Coronavirus-Pandemie, haben wir die Stigmatisierung längst hinter uns gelassen, wir sind nun vielmehr bei: Kriminalisierung der Krankheit und der Erkrankten, Aufrufen zu Denunziation, bewaffneten Soldaten und Polizisten, die durch leere Städte patrouillieren und überwachen, kontrollieren und bestrafen. Am anderen Ende des politischen Spektrums und der Übernahme und Inversion des Gebrauchs des Kriegsdiskurses und der Terminologie, entdecken wir das Phänomen und die Ideen der deutschen radikalen Bewegung Sozialistisches Patientenkollektiv, das unter dem Slogan „Aus der Krankheit eine Waffe machen“ tätig war und von der Annahme ausging, die Krankheit existiere in einer Gesellschaft als eine unbestrittene Tatsache, und das Virus sei eigentlich das kapitalistische System.

Ich stelle mir vor, wie ich in einigen Wochen, Monaten oder Jahren im Himmel vor einem Nachtklub einen Haufen Thermometer sehen werde, die mich begleiten, während ich gehe, um mich anderen Menschen, anderen Körpern zu nähern, sowie mich die Gasmaske vom Himmel begleitet hatte, als ich zu Opa gegangen war, ich stelle mir also vor, wie die Leute vor dem Klub im vorgeschriebenen Abstand zueinander stehen, wie der Security-Mann sein Mobiltelefon auf mich richtet, um kontaktlos meine Körpertemperatur zu messen.

Ich stelle mir vor, dass meine Körpertemperatur unter 37 Grad liegt und ich den Klub betreten darf.

Das Bestrafen ist nur ein Element eines zweifachen Systems: Bestrafen und Belohnen.

Ich stelle mir vor, wie meine Mama, die älter ist als sechzig, die vor Lebensenergie nur so strotzt und die in ihrem unablässigen FOMO-Modus und im Wunsch, auf Konzerte im postjugoslawischen Raum und in Europa zu gehen, nie wieder Menschenansammlungen von mehr als hundert Personen aufsuchen darf, weil dies ihrer eigenen Gesundheit und der öffentlichen Gesundheit dienlich ist. Und ich stelle mir vor, wie ich das total in Ordnung finde, wie sie es selbst total in Ordnung findet, wie wir vollständig und ohne Widerrede dem zustimmen, weil wir keine Wahl haben.

Untersuchung und Kontrolle normalisieren die Techniken der Aufrechterhaltung von Hierarchie und der Normalisierung von Beurteilung und Verurteilung. Der normierende Blick und die Überwachung sind das, was Qualifikation, Klassifikation und Bestrafung ermöglichen.

Wie wird eine Gesellschaft aussehen, in der wir uns alle gegenseitig überwachen, während die Regierung uns alle zusammen unablässig überwacht, und in der man, wie in Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze: „Syphilis. Alle haben sie mehr oder weniger“ das gleiche auch über Corona wird sagen können?

            Bringt mich nicht dazu, die Polizeistunde auf 24 Stunden am Tag auszudehnen.

            Wenn wir nicht diszipliniert sind, wird es nie ein Ende geben.

 

                                                                     Ins Deutsche übersetzt von Mascha Dabić